Wer regelmäßig tanzen geht, begegnet Menschen mit unterschiedlichen Wünschen. Manche suchen vor allem Tanzpartner und Bekanntschaften, andere sind auch offen für ein Date. Der Forró-Organisator Rafael Piccolotto de Lima beschreibt solche verschiedenen Lebensphasen und Interessen aus seiner eigenen Szene. Beides kann am selben Abend nebeneinander bestehen. Für das Kennenlernen ergibt sich daraus eine konkrete Aufgabe: herausfinden, welche Art von Kontakt zwei Menschen miteinander möchten.
Vertraut sein und sich kennenlernen
Beim Tanzen kann Vertrautheit entstehen, während vieles aus dem übrigen Leben unbekannt bleibt. Satu Heikkinen und Andreas Henriksson untersuchten Interviews mit 29 älteren Menschen in der schwedischen Paartanzszene. Ihre Berichte beschreiben auch Beziehungen, die weitgehend auf das Tanzen beschränkt blieben. Das beschreibt die Erfahrungen dieser schwedischen Gruppe. Der Gedanke lässt sich dennoch als Frage an die eigene Bekanntschaft nutzen: Weiß ich, wie wir zusammen tanzen, oder kenne ich auch etwas von ihrem Alltag? Ein Gespräch außerhalb der üblichen Tanzpause kann Gelegenheit geben, darüber mehr zu erfahren.
Eine Freundschaft kann sich dabei verändern. In sieben nordamerikanischen Stichproben mit insgesamt 1.897 Personen berichteten etwa zwei Drittel, dass die von ihnen beschriebene romantische Beziehung als Freundschaft begonnen hatte. Das untersuchten Danu Anthony Stinson und ihr Team rückblickend. Die Zahl beschreibt Beziehungen aus diesen Stichproben, keine Wahrscheinlichkeit, mit einer bestimmten Freundschaft ein Date zu erreichen. Wer jemanden zunächst freundschaftlich kennenlernt, muss also weder einen heimlichen Plan gehabt haben noch auf eine spätere Beziehung hinarbeiten. Entsteht neues Interesse, lässt es sich als Veränderung ansprechen, ohne der gemeinsamen Vergangenheit nachträglich eine andere Absicht zu geben.
Bei einer neuen Bekanntschaft bleibt die Deutung von Flirts unsicher. Jeffrey A. Hall und sein Team ließen 52 Paare alleinstehender heterosexueller Studierender miteinander sprechen. Von 25 anschließend selbst berichteten Flirts erkannten die Gegenüber sieben. Das waren kurze Laborgespräche, keine Tanzabende. Außerdem ist Flirten etwas anderes als ein Beziehungswunsch. Eine Liste vermeintlich eindeutiger Blicke würde diese Unterschiede verwischen. Wenn du Interesse vermutest, kannst du es deshalb zunächst als deine Deutung behandeln. Ob die andere Person dich außerhalb des Tanzens treffen möchte, lässt sich mit einer Einladung konkreter klären.
Die eigenen Absichten verständlich machen
Dafür hilft etwas Klarheit über die eigenen Wünsche. Möchtest du erst einmal locker ausgehen, oder suchst du eine längerfristige Beziehung? Solche Erwartungen müssen nicht schon beim ersten Gespräch vollständig feststehen. Wenn du aber etwas Bestimmtes suchst, sollte die andere Person davon erfahren, bevor sie Entscheidungen auf einer anderen Grundlage trifft. „Ich würde dich gern näher kennenlernen; gerade suche ich nichts Festes“ sagt mehr als die bloße Bezeichnung Date. Ebenso darf jemand eine feste Beziehung wünschen oder derzeit überhaupt keine Verabredungen suchen.
Auch der Anlass einer Einladung sollte erkennbar sein. Schlage eine konkrete gemeinsame Unternehmung vor und benenne romantisches Interesse, wenn der Anlass sonst unklar bliebe. Für eine Tanzbekanntschaft könnte das heißen: „Hättest du am Sonntag Lust auf einen Kaffee mit mir, als Date?“ Eine Einladung zum gemeinsamen Üben hat dagegen einen anderen erklärten Zweck. Klären lässt sich das in einem kurzen Gespräch oder über einen bereits üblichen Nachrichtenweg. Ein Moment ohne zuhörenden Freundeskreis gibt der Person Raum für ihre eigene Antwort; dafür muss niemand einen abgelegenen Ort aufsuchen.
Auf eine Einladung antworten
Wer ablehnen möchte, kann freundlich und verständlich sagen: „Danke für die Einladung. Ich möchte kein Date.“ Gili Freedman und ihre Kollegen unterscheiden in ihrer Theorie sozialer Zurückweisung klare Antworten von absichtlich mehrdeutigen Absagen. Sie versprechen damit keine schmerzfreie Formulierung. Für eine alltägliche Einladung lässt sich daraus ableiten, einen feststehenden Entschluss möglichst nicht als bloßes Terminproblem darzustellen. Eine unklare Antwort kann aber auch tatsächlich Unsicherheit bedeuten. Außenstehende kennen die Absicht dahinter nicht. Niemand muss aus Höflichkeit ein Gespräch fortsetzen, wenn eine bedrohliche Reaktion zu befürchten ist.
Nach einer Absage verändert sich die Aufgabe für die einladende Person. Die Antwort zu akzeptieren bedeutet, auf weitere Überredungsversuche zu verzichten. Auch gemeinsame Freunde sollten niemandem einreden, wenigstens eine Chance geben zu müssen. Im Tanzumfeld heißt das etwa, das Thema beim nächsten Wiedersehen ruhen zu lassen. Falls sich das Interesse später ändert, kann die andere Person selbst darauf zurückkommen. Wer enttäuscht ist, kann mit vertrauten Menschen darüber sprechen, ohne sie um Einflussnahme zu bitten.
Was im gemeinsamen Umfeld privat bleibt
Wer sich häufiger begegnet, hat vielleicht auch gemeinsame Bekannte. Trotzdem gehört ein Gespräch über Anziehung zunächst den Beteiligten. In Daniel Halls persönlichem Essay über queere Beziehungen spricht Karen Pollock an, dass das Offenlegen gleichgeschlechtlicher Anziehung zusätzliche soziale Risiken haben kann. Diskretion betrifft deshalb mehr als die Frage, ob ein Date zustande kam. Für einen sorgsamen Umgang in der Tanzszene empfiehlt es sich, persönliche Nachrichten vertraulich zu behandeln und vor einer Weitergabe nachzufragen. Die andere Person sollte selbst entscheiden können, wem sie etwas über ihre Wünsche oder Orientierung erzählt. Gemeinsame Bekannte brauchen darüber keine laufenden Neuigkeiten.
Welche Beziehung beide tatsächlich möchten
Nach einem unerwiderten Interesse kann eine Freundschaft weiterbestehen. Ob und wie eng, entscheiden weiterhin beide. Auch die zurückgewiesene Person darf etwas Abstand wählen. Eine kurze Erklärung kann dabei verständlich machen, weshalb sich der Kontakt verändert.
Freundschaft bleibt eine eigene Beziehung, in der Zeit und Zuwendung keinen Anspruch auf späteres Dating begründen. Du kannst jemanden gernhaben und trotzdem vorerst weniger Kontakt wollen. Ebenso darf die andere Person bei ihrem Wunsch nach Freundschaft bleiben. Welche Nähe anschließend möglich ist, müssen beide für sich herausfinden.
