Nach dem Prague Zouk Congress 2014 waren die Freunde wieder weg. Gaëlle Céline Le Vu beschreibt in ihrem Tanzblog, wie Menschen aus dem Ausland während des Kongresses bei ihr übernachteten oder Workshops und Partys mit ihr verbrachten. Anschließend fühlte sie sich bedrückt. Es ist eine persönliche Erzählung über diesen Abschied: Sie vermisste die Menschen, die gerade noch ihren Tag geteilt hatten. Nach einem Festival kann einem die selbstverständliche Nähe zu bestimmten Menschen fehlen.

Was mit dem Festival endet

Auch der Umgang miteinander kann sich plötzlich verändern. Nach alternativen Zusammenkünften in Schottland beschreiben Sophia Woodman und Andreas Zaunseder in einer ethnografischen Feldnotiz den Kontrast zum gewöhnlichen Stadtpark: Dort saßen Menschen wieder in getrennten Gruppen, ohne Blickkontakt. Beim Festival waren Begegnungen offener gewesen, obwohl die Forschung dort ebenso Ausschluss dokumentiert. Solche Unterschiede im sozialen Rahmen helfen, die Rückkehr zu verstehen. Zuhause fehlt womöglich ein gemeinsamer Anlass, um fremde Menschen anzusprechen. Daraus folgt noch kein Urteil darüber, ob das eigene Alltagsleben gut oder schlecht ist.

Dabei müssen sich Freude über das Erlebte und Traurigkeit über sein Ende nicht abwechseln. In einem Experiment von Jeff Larsen und Kollegen berichteten 133 Studierende nach dem Erinnern angenehmer Schulerlebnisse mehr Freude und mehr Traurigkeit als nach neutralen Erinnerungen. Untersucht wurden unmittelbare Gefühle beim Rückblick, keine Festivalrückkehr. Für den Abschied lässt sich daraus eine Möglichkeit verstehen: Eine schöne gemeinsame Zeit kann zugleich erfreulich und schmerzlich nachklingen. Traurigkeit beweist dann nicht, dass etwas schiefgelaufen ist. Sie macht die Freude über diese Zeit auch nicht unwahr.

Die Rückkehr genauer betrachten

Womit vergleichst du dein Befinden nach der Reise? Bei 96 niederländischen Erwerbstätigen lag die Stimmung nach einem Wintersporturlaub ungefähr wieder auf dem Niveau davor. Gegenüber dem Urlaub war sie gesunken. Das ist ein anderer Befund als eine Verschlechterung gegenüber dem gewöhnlichen Alltag. Müdigkeit nahm nach der Rückkehr zunächst sogar ab. Müdigkeit und Stimmung verliefen also unterschiedlich. Diese Selbstberichte liefern keinen Zeitplan für Tanzende. Sie verdeutlichen aber, weshalb das Vermissen der Hochstimmung und die Frage, wie müde man sich fühlt, getrennte Aufmerksamkeit verdienen.

Nostalgisches Zurückblicken fühlt sich auch bei derselben Person nicht immer gleich an. In zwei Tagebuchstudien mit insgesamt 151 Studierenden untersuchten David Newman und Matthew Sachs nostalgische Erlebnisse. An günstigeren Tagen wurden sie positiver, an schwierigeren Tagen negativer bewertet. Das waren Zusammenhänge innerhalb derselben Personen, keine Beweise dafür, dass der Tagesverlauf die Gefühlsfärbung bestimmt. Stärkeres nostalgisches Empfinden bedeutete zudem nicht automatisch eine positivere Bewertung. Für den Rückblick aufs Festival eröffnet das eine Unterscheidung: Wie sehr du die Zeit vermisst und wie sich dieses Vermissen gerade anfühlt, sind zwei verschiedene Fragen.

Le Vu nennt ihr Tief nach dem Kongress „Depression“. Als Diagnose lässt es sich aus dem Anlass allein nicht ableiten. Die WHO unterscheidet depressive Erkrankungen von gewöhnlichen Stimmungsschwankungen; anhaltende Niedergeschlagenheit oder Interessenverlust und die Beeinträchtigung des Alltags gehören zur fachlichen Beurteilung. Wenn entsprechende Beschwerden anhalten oder stark belasten, ist ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll. Man muss sie weder als unvermeidlichen Preis schöner Tanzerlebnisse hinnehmen noch anhand eines Festivalbegriffs selbst einordnen.

Begegnungen weiterführen

Die gemeinsame Zeit kann außerhalb des Festivals eine andere Form bekommen. Yanning Li beschreibt bei wiederkehrenden Gästen chinesischer Midi-Rockfestivals Kontakte, die in Onlinegruppen und bei lokalen Konzerten weitergingen. Befragt wurden gezielt 68 erfahrene Festivalgäste, die bereits Onlinegruppen angehörten; daraus lässt sich keine allgemeine Freundschaftsgarantie machen. Beim Tanzen wäre eine ähnliche Fortsetzung denkbar: Mit jemandem zu schreiben oder sich wieder zu verabreden, kann eine Begegnung fortsetzen. Dazu muss der nächste Kontakt nicht die Intensität eines ganzen Festivalwochenendes haben. Vielleicht ist das nächste Treffen einfach ein örtlicher Tanzabend.