Bei einer Einladung zum Tanzen geht es um ein gemeinsames Lied. Trotzdem kann darin eine zweite Frage mitschwingen: Bin ich hier willkommen? Aus dem Warten am Rand wird dann vielleicht der Gedanke, als Person wenig zu zählen.
Mark Learys Soziometer-Theorie versteht situativen Selbstwert als empfindlich für wahrgenommene Zugehörigkeit. In einem Experiment mit Studierenden fiel die Selbstbewertung nach einem als persönliche Ablehnung dargestellten Ausschluss niedriger aus als nach zufälliger Zuteilung. Die Bedeutung des Ausschlusses machte einen Unterschied. Das stützt einen Zusammenhang, erklärt aber weder jeden Tanzabend noch beweist es, dass Selbstwert ausschließlich so entsteht.
Wer als gut gilt
Hinter dem Urteil „tanzt gut“ können unterschiedliche Maßstäbe stehen. Cindy García beobachtete 1999 bis 2005 in Los Angeles, wie bevorzugte Salsa-Stile, Auftreten und Zuschreibungen von Herkunft, Geschlecht und Klasse mit Ansehen und Einladungen zusammenhingen. Ihre Ethnografie beschreibt lokale Hierarchien dieser Zeit, keine allgemeine Rangordnung des Tanzens.
Gefragt zu sein, eine schwierige Figur zu beherrschen und für jemanden angenehm zu tanzen sind verschiedene Beschreibungen. Keine ersetzt die anderen. Wer Einladungen zählt, zählt Entscheidungen für gemeinsame Tänze. Das ergibt noch kein vollständiges Urteil über Technik oder Musikalität.
Ein Vorbild ist noch kein Urteil
Ein Vorbild kann eine Möglichkeit zeigen. In einem Experiment von Penelope Lockwood und Ziva Kunda beurteilten sich Studienanfänger nach dem Porträt eines erfolgreichen Studenten kurz vor dem Abschluss positiver. Sein Erfolg erschien erreichbar. Bei fortgeschrittenen Studierenden zeigte sich die erwartete Selbstabwertung nicht eindeutig. Untersucht wurde akademischer Erfolg. Für Tanzende eröffnet das eine Frage: Schaue ich auf einen möglichen Weg oder behandle ich fremdes Können als Beweis meiner Unzulänglichkeit? Bewunderung kann einer Qualität gelten, etwa einer musikalischen Gestaltung, ohne dass daraus das Ziel werden muss, die ganze Person einzuholen.
Was von Anerkennung abhängen soll
Anerkennung zu mögen und den eigenen Wert von ihr abhängig zu machen, sind verschiedene Dinge. Jennifer Crocker und ihr Team unterschieden in ihrer Forschung unter anderem Zustimmung anderer, Wettbewerb und akademische Leistung als Bereiche, an die Menschen Selbstwert knüpfen. Untersucht wurden Studierende; die Einteilung ist keine Diagnose für Tanzende. Sie hilft jedoch, eine Unterscheidung zu formulieren: „Ich möchte gern wieder eingeladen werden“ beschreibt einen Wunsch. „Erst wenn diese Person mich auswählt, bin ich etwas wert“ macht daraus eine Bedingung für Selbstachtung. Dass Tanzen viel bedeutet, verlangt diese Bedingung nicht.
Eine einzelne Entscheidung bleibt außerdem erklärungsbedürftig, solange ihre Gründe unbekannt sind. Angenommen, jemand lehnt einen Tanz ab und tanzt später mit einer anderen Person. Eine Pause kann vorbei sein, ein Tanz war vielleicht schon verabredet, oder die Person hat schlicht eine andere Vorliebe. Keines dieser Beispiele sagt, welcher Grund tatsächlich vorlag. Vielleicht möchte die Person auch einfach nicht mit dir tanzen. Solange der Grund offen ist, bleibt jede konkrete Erklärung eine Vermutung.
Eine Einladung verbindet zwei Wünsche, sobald beide zusagen. Sie ist deshalb etwas anderes als ein Preis für ausreichendes Können. Niemand schuldet einen Tanz als Anerkennung geleisteter Übung; ebenso wenig muss jemand sich für den Wunsch nach mehr Begegnungen schämen. Respekt auf der Tanzfläche lässt beides bestehen: das Interesse aneinander und die Freiheit, einen konkreten Tanz abzulehnen. Ein freies Ja braucht diese Freiheit.
