Eine Berührung erreicht dich in einer bestimmten Situation. Wer da ist und was du erwartest, kann beeinflussen, wie sie sich anfühlt. Auch im Tanz beschreiben Druck und Dauer deshalb nur einen Teil des Kontakts.
Valeria Gazzolas Team untersuchte das 2012 in einem inszenierten Dating-Kontext: Videos vermittelten 18 heterosexuellen Männern den Eindruck, sie würden von einem Mann oder einer Frau an den Beinen gestreichelt. Tatsächlich kam die Berührung stets von derselben Frau, die nicht wusste, welches Video gerade gezeigt wurde. Wie angenehm sie die Berührung fanden, unterschied sich deutlich. Der Befund gilt zunächst für diese kleine Gruppe und die inszenierte Situation.
Beziehung und Mitbestimmung
Die Beziehung zwischen Menschen steht auch mit der Akzeptanz von Berührung in Zusammenhang. In Juulia Suvilehtos Untersuchung markierten 1.368 Menschen aus fünf europäischen Ländern auf Körpersilhouetten, wo verschiedene Personen sie berühren dürften. Bei engerer emotionaler Bindung fiel die markierte Fläche durchschnittlich größer aus. Erfragt wurden Vorstellungen; niemand wurde tatsächlich berührt. Damit ist keine Ursache engerer Beziehungen nachgewiesen.
Für Tanzkontakt sind solche Durchschnittswerte keine persönliche Erlaubnis. Ein Kontakt, der zu einer vereinbarten Tanzhaltung gehört, lässt außerdem offen, ob dieselbe Berührung nach dem Tanz willkommen wäre.
Zur Situation gehört, welchen Einfluss du auf das Geschehen hast. Lenka Gorman und ihr Team ließen junge Erwachsene unter anderem wählen, an welcher von zwei Armstellen sie berührt werden wollten. In den ausgewerteten Daten von 23 Personen wurde der Kontakt mit dieser Wahlmöglichkeit angenehmer beurteilt. Die bloße Wahl einer Handschuhfarbe zeigte keinen eindeutigen entsprechenden Effekt. Alle hatten zuvor der Teilnahme zugestimmt.
Beim Tanzen kann deshalb zur Frage „Wie fühlt sich der Kontakt an?“ auch gehören: „Was davon kann ich selbst mitbestimmen?“
Was sich über Berührung mitteilen lässt
Matthew Hertensteins Team ließ einander unbekannte Studierende vorgegebene Gefühle durch Berührung am Arm vermitteln. In Versuchen in den USA und Spanien wurden einige häufiger als zufällig erwartet aus einer Antwortliste erkannt. Streichen wurde für Liebe und Mitgefühl verwendet. Die Autoren lassen offen, ob Gefühle oder Absichten vermittelt wurden. Ob die Beteiligten diese Gefühle empfanden, wurde nicht gemessen.
Eine gedachte Tanzsequenz: Eine Person nutzt eine Handverbindung, um die Bewegung abzustimmen; die andere erlebt dabei Nähe. Dieselbe Berührung hätte dann zwei Bedeutungen. Das eigene Erleben bestätigt jedoch nicht, dass die andere Person dasselbe empfindet.
