Manche Musik weckt den Wunsch, sich mitzubewegen. Dieses angenehme Bewegungsverlangen wird in der Musikpsychologie als Groove untersucht. Es ist zunächst ein Erleben: Auch wer sitzen bleibt, kann es empfinden. Synkopen gehören zu den musikalischen Merkmalen, die dazu beitragen können.
Eine Synkope setzt eine Betonung entgegen der erwarteten metrischen Ordnung. Stell dir einen gleichmäßigen Beat vor: Ein Ton beginnt kurz vor dem nächsten Beat und klingt über ihn hinweg. Der Einsatz zieht die Aufmerksamkeit auf eine schwächere Stelle, während der erwartete stärkere Zeitpunkt keinen neuen Einsatz erhält. Diese Beziehung erzeugt rhythmische Spannung. Entscheidend ist die Lage des Tons im Verhältnis zur erwarteten Betonung. Viele Töne allein machen einen Rhythmus noch nicht synkopisch; ein einzelner vorgezogener Einsatz kann dafür genügen. Ein synkopierter Einsatz kann dabei präzise auf seiner vorgesehenen Zwischenposition liegen.
Wie viel davon zum Bewegen einlädt, ist keine feste musikalische Größe. In einer Studie von Maria Witek und Kollegen bewerteten 66 Erwachsene kurze synthetische Drum-Loops. Mittlere Synkopierung erhielt die höchsten Bewertungen für Freude und Bewegungsdrang. „Mittel“ bezog sich auf diesen Reizsatz; getanzt wurde für die Messung nicht. Daraus entsteht keine allgemeine Rezeptur für Tanzmusik.
Bewegungsdrang und Bewegung sind verschiedene Dinge
Das wird deutlicher, wenn Bewegung selbst aufgezeichnet wird. Eine spätere Untersuchung analysierte die Bewegungen von 25 Erwachsenen beim freien Bewegen zu Drum-Loops, jeweils allein im Raum. Sensoren an Hand und unterem Rücken erfassten Beschleunigung und zeitliche Abstimmung zur Musik. Niedrige und mittlere Synkopierung lagen bei diesen Maßen über hoher Synkopierung; untereinander unterschieden sie sich nicht statistisch eindeutig. Das Material stammte aus derselben Loop-Sammlung. Der Befund betrifft diese Bewegungsmaße, keine allgemeine Tanzqualität. Die Bewertung des Bewegungsdrangs kann deshalb die Beobachtung des Tanzens nicht ersetzen.
Davon zu unterscheiden ist Microtiming: kleine zeitliche Abweichungen innerhalb einer gespielten rhythmischen Struktur. Dabei kann beispielsweise ein Einsatz etwas früher oder später liegen, als das zugrunde gelegte Zeitraster vorsieht.
Dass solche Abweichungen allein keinen Groove garantieren, zeigt ein Versuch mit 159 ausgewerteten Personen. Olivier Senn und Kollegen veränderten das Timing zweier professioneller Funk- und Swing-Ausschnitte. Das rhythmische Muster blieb bei diesen Timingänderungen erhalten. Originale und vollständig am Zeitraster ausgerichtete Fassungen unterschieden sich im Groove-Urteil nicht statistisch eindeutig; stark vergrößerte Abweichungen senkten es. Zwei Aufnahmen entscheiden allerdings nicht, welches Timing in jedem Stil funktioniert.
Wer hört, gehört zum Groove dazu
Auch die hörende Person gehört zur Erklärung. In einer weiteren Studie mit 665 Personen wurden rekonstruierte Drum-Patterns höher bewertet, wenn sie als bekannt oder als Teil eines persönlich geschätzten Musikstils wahrgenommen wurden. Tatsächliches Wiedererkennen wurde damit nicht nachgewiesen. Es waren Zusammenhänge, keine Untersuchung darüber, ob wiederholtes Hören den Groove steigert. Auch die Kurve mit dem Höhepunkt bei mittlerer Synkopierung zeigte sich in diesem anderen Versuchsaufbau nicht erneut. Ein Groove-Urteil beschreibt damit auch die Beziehung zwischen einer Person und der gehörten Musik.
