Mit „Körperspannung“ kann gemeint sein, einen Arm zu halten, eine Bewegung zu begrenzen oder insgesamt fester zu werden. Der Ausdruck lässt offen, welcher Vorgang gerade wichtig ist. Selbst Muskeltonus hat in Fachtexten unterschiedliche Bedeutungen: Manche Definitionen betrachten den Widerstand bei passiver Bewegung, andere stärker die Aktivität der Muskulatur. Fürs Tanzen lohnt es sich deshalb, genauer hinzusehen.

Was im Hintergrund geschieht

Ein hilfreicher Unterschied liegt zwischen absichtlichem Anspannen und der Aktivität, die unsere Körperhaltung im Hintergrund mitreguliert. Timothy Cacciatore und seine Kollegen reservieren in einem physiologischen Theoriebeitrag den Begriff des aktiven Muskeltonus für diesen unwillkürlichen Anteil. Eine bewusst fest geschlossene Faust gehört in ihrer Definition nicht dazu.

Solche Hintergrundaktivität verteilt sich auf mehrere Muskeln und passt sich den Haltungsanforderungen an. Deshalb ist Tonus auch in diesem engeren Sinn keine einzige feste Einstellung für den ganzen Körper. Bewusstes Anspannen ist eine willkürliche Handlung; damit ist noch nicht beschrieben, wie die gesamte Tonusregulation arbeitet.

Halten ist ebenfalls Muskelarbeit

Muskeln können auf unterschiedliche Weise Kraft erzeugen. Beim aktiven Verkürzen spricht man von konzentrischer Arbeit, beim aktiven Verlängern von exzentrischer Arbeit. Bleibt die Länge annähernd gleich, lautet der Begriff isometrisch. Beim Halten einer Position findet man Haltearbeit, auch wenn äußerlich kaum Bewegung zu erkennen ist.

Bei einem angehobenen Unterarm ändert sich die Muskelarbeit, sobald er weiter angehoben oder kontrolliert abgesenkt wird. Die Begriffe beschreiben dabei einzelne Muskeln und ihre Funktion. In einer Tanzbewegung können verschiedene Formen gleichzeitig vorkommen: Ein Körperbereich bewegt sich, während ein anderer gehalten wird. Sichtbare Ruhe bedeutet deshalb keineswegs, dass alle beteiligten Muskeln ruhen.

Die Kraft lässt sich fein abstufen. Das Nervensystem kann zusätzliche motorische Einheiten beteiligen: jeweils eine Nervenzelle mit den von ihr versorgten Muskelfasern. Außerdem verändert es, wie häufig diese Einheiten elektrische Impulse abgeben. Beide Vorgänge tragen zur Kraftentwicklung bei. Ihr Verhältnis hängt unter anderem davon ab, welche Kraft und welche Geschwindigkeit die Aufgabe verlangt.

Zwischen lockerem Bewegen und kräftigem Halten liegen daher zahlreiche Abstufungen. „Anspannen“ bezeichnet keinen bloßen Ein-Aus-Schalter. Die praktische Frage wird genauer, wenn auch das gewünschte Ergebnis benannt ist: einen bestimmten Widerstand aufrechterhalten, eine Position halten oder die Kraft für eine Bewegung erhöhen.

Nachgeben und Loslassen unterscheiden

Ein Muskel kann sich unter Belastung verlängern und trotzdem Kraft erzeugen. In Untersuchungen zum Heben und Senken von Lasten fällt die elektrische Aktivität beim aktiven Verlängern häufig geringer aus als beim Verkürzen unter vergleichbarer Last. Die Beziehung zwischen Erregung und Kraft verändert sich mit der Arbeitsweise. Ein kontrolliertes Absenken einfach als Entspannung zu bezeichnen, würde deshalb seine aktive Seite unterschlagen. Für eine Tanzbewegung ist entscheidend, ob ein Verlauf gebremst und begleitet werden soll oder ob die bisherige Halteaufgabe tatsächlich endet. Beides kann von außen ähnlich weich aussehen.

Wie stark die Bewegungsphase zählt, zeigt eine Untersuchung von Marie-Charlotte Lepelley und ihrem Team. Sechs erfahrene Balletttänzerinnen führten einen Fuß auf einer vorgegebenen geraden Bahn vor und zurück. Am vorderen Umkehrpunkt sank die elektrische Aktivität mehrerer beteiligter Muskeln kurz ab. Hielten die Tänzerinnen dagegen die vorgeschobene Beinposition, trat deutlich mehr anhaltende Aktivität auf.

Untersucht wurde eine begrenzte, einem Jeté ähnliche Fußbewegung, kein Sprung. Dieselbe räumliche Position stellte also während der Bewegung eine andere Aufgabe als beim Halten. Daraus folgt keine Regel zum Loslassen bei jeder Umkehr, wohl aber ein Grund, eine Position immer zusammen mit ihrem Bewegungsverlauf zu betrachten.

Solche Befunde entstehen häufig durch Elektromyografie, kurz EMG: Elektroden erfassen elektrische Signale der Muskulatur. Das erlaubt unter geeigneten Messbedingungen Aussagen darüber, wann und wie ausgeprägt ein untersuchter Bereich elektrisch erregt ist. Ein größerer Ausschlag ist allerdings kein unmittelbarer Kraftwert. Muskellänge, Bewegungsgeschwindigkeit und die erfasste Muskelregion beeinflussen die Interpretation.

Ein EMG-Wert kann etwa auf eine vorherige Referenzkontraktion bezogen werden. „50 Prozent“ bezeichnet dann ein Verhältnis elektrischer Signale, nicht automatisch die Hälfte der möglichen Muskelkraft. Erst die Messbedingungen zeigen, welcher Vergleich sinnvoll ist.

Wenn Gegenspieler gemeinsam arbeiten

Muskeln mit entgegengesetzter Wirkung können gleichzeitig aktiv sein. Diese Koaktivierung ist bei manchen Aufgaben hilfreich. Paul Gribble und Kollegen untersuchten das bei 16 Erwachsenen, die mit einem horizontal unterstützten Arm unterschiedlich große Ziele ansteuerten. Bei kleineren Zielen stieg die Koaktivierung, während die Bewegungen genauer wurden. Das Experiment macht verständlich, weshalb gegenläufige Muskelaktivität nicht automatisch ein Fehler ist: Eine Aufgabe kann zugleich Bewegung und präzise Begrenzung verlangen. Eine Einschätzung der Muskelarbeit braucht deshalb das Ziel der Bewegung. Festigkeit kann beim genauen Ansteuern eines engen Bereichs eine andere Bedeutung haben als bei einer Bewegung mit größerem Spielraum.

Auch der Zeitpunkt verändert die Anforderung. Eine Kraft allmählich aufzubauen und sie rasch verfügbar zu machen sind unterschiedliche Leistungen. Die Forschung bezeichnet die Geschwindigkeit des Kraftanstiegs als Rate of Force Development. Bei schnellen Kontraktionen zeigt sich ein anderes anfängliches Muster elektrischer Aktivität als bei langsam zunehmender Kraft. Die maximal erreichbare Kraft allein beschreibt diesen zeitlichen Verlauf nicht.

Eine kurze, deutliche Bewegung und eine länger gehaltene Position müssen deshalb auch sprachlich unterscheidbar bleiben. „Kräftiger“ sagt noch wenig darüber, ob Kraft früher, schneller oder länger gebraucht wird. Der zeitliche Verlauf gehört ebenso zur Beschreibung der Aufgabe wie das gewünschte Ausmaß.

Die verfügbare Kraft kann sich verändern

Über die Dauer einer körperlichen Aufgabe verändert sich außerdem, welche Kraft noch verfügbar ist. In der Muskelphysiologie bezeichnet Ermüdung häufig einen belastungsbedingten Rückgang der maximal erzeugbaren Kraft oder Leistung. Eine weniger anspruchsvolle Aufgabe kann dann zunächst weitergelingen. Dass eine Position noch gehalten wird, beweist folglich keine unveränderte Kraftreserve. Umgekehrt beschreibt die technische Definition auch keinen bestimmten Moment, in dem Tanzen beendet werden müsste. Sie erklärt, weshalb die Anforderung einer Bewegung im Verhältnis zu den verfügbaren Möglichkeiten betrachtet werden muss. Ein äußerlich gleiches Halten kann später andere Voraussetzungen haben, obwohl die Form gleich bleibt.

Muskelarbeit im gemeinsamen Kontakt

Beim gemeinsamen Bewegen kommt Information vom Gegenüber hinzu. In einem Experiment mit 22 Paaren waren zwei Handgelenksgeräte gekoppelt. Beide Personen sollten einen sichtbaren Zielverlauf verfolgen; manchmal war das Bild unscharf. Bei schlechterer eigener visueller Information sank die Koaktivierung, bei schlechterer Information des Gegenübers stieg sie. Die Beteiligten wussten nicht, dass sie mit einem Menschen verbunden waren. Es war also kein Paartanzversuch. Dennoch zeigt der Befund eine interessante Anpassung: Dieselbe gekoppelte Bewegungsaufgabe führte je nach verfügbarer Information zu anderer Muskelaktivität. Elektroden erfassten Signale zweier Muskeln für die Beugung und Streckung des Handgelenks.

Auch in der Zouk-Lehre wird Muskelarbeit nach ihrer Aufgabe unterschieden. Arthur Santos beschreibt in seinen schriftlichen Hinweisen zu Drehungen mit Fortbewegung (traveling turns) eine Beteiligung von Bauch und Rücken bei vergleichsweise lockeren Armen. Seine Empfehlung bezieht sich auf einen bestimmten Bewegungskontext. Sie ist deshalb vor allem ein gutes Beispiel für eine genauere Sprache: Verschiedene Körperbereiche bekommen unterschiedliche Aufgaben.

Aus „Bleib aktiv“ wird erst dann ein verständlicher Hinweis, wenn klar ist, welcher Bereich gemeint ist und was er ermöglichen soll. Diese Unterscheidung hilft zu vermeiden, dass aus einer lokalen Halteaufgabe versehentlich die Aufforderung wird, den gesamten Körper gleichmäßig fest zu machen.

Anpassung lässt sich genauer beschreiben

Bath Zouk betont in seiner Darstellung der Lead/Follow Connection die Anpassung an unterschiedliche Menschen. Körperliche Voraussetzungen, Bewegungserfahrung und persönliche Ausdrucksweisen gehören dort ausdrücklich zum Kontakt. Für den Umgang mit Körperspannung lässt sich daraus eine praktische Konsequenz ziehen: Eine Rückmeldung gewinnt, wenn sie beschreibt, was im gemeinsamen Bewegen ankommt. „Meine Hand kann deiner Richtungsänderung gerade schwer folgen“ benennt etwas anderes als ein pauschales „Du bist zu fest“. So bleibt verständlich, welche gemeinsame Aufgabe verändert werden soll. Die nächste Begegnung kann eine andere Anpassung verlangen. Eine präzise Sprache hilft beiden Personen, aufeinander zu reagieren.