Beim gemeinsamen Gehen kann sich eine Person vorwärts und die andere rückwärts bewegen. Beide tun etwas Verschiedenes und müssen dennoch miteinander ankommen. Dafür reicht es nicht, die eigene Bewegung auszuführen: Was die andere Person macht, verändert fortlaufend die Aufgabe. Connection meint dieses Abstimmen im Paartanz. Dazu gehört, sich auf das konkrete Gegenüber einzulassen. Körpergröße, Reichweite und Erfahrung unterscheiden sich; was mit einer Person gut zusammenpasst, fühlt sich mit einer anderen möglicherweise anders an.
Eine Antwort wird dabei selbst zur nächsten Information. Verändert eine Person ihren Weg, muss die andere mit der veränderten Situation weiterarbeiten. So entsteht ein gemeinsamer Tanz aus Handlungen, die sich gegenseitig beeinflussen. Bewegungen können zusammenpassen, auch wenn sie von außen unterschiedlich aussehen.
Den Anfang miteinander finden
Schon das Losgehen wird gemeinsam vorbereitet. Die Tanzforscher Mathias Broth und Leelo Keevallik haben das in einer Lindy-Hop-Stunde verfolgt: Während die Erklärung noch lief, wandten sich sieben Paare einander zu, schlossen Abstände und nahmen Kontakt auf. Sie waren unterschiedlich früh bereit und fanden dennoch zum gemeinsamen Einsatz. Die Ansage und das Zählen halfen dabei, ebenso das Verhalten des Gegenübers. Der Anfang bestand also aus mehr als dem ersten Fußwechsel. Die Paare richteten sich bereits vorher aufeinander aus.
Musik gibt beiden einen zeitlichen Bezug. Trotzdem beantwortet der gehörte Beat nicht, was das Gegenüber gerade tut. In einem Versuch mit 70 ausgewerteten Personen ohne Tanztraining ließen sich beim freien Tanzen verschiedene Beiträge unterscheiden: Manche Bewegungsanteile stimmten eher über die Musik überein, andere über die Sicht auf die zweite Person. Getestet wurde ohne Körperkontakt. Für den Paartanz lassen sich diese Aufgaben ebenfalls auseinanderhalten: die Musik zu hören und die Bewegung des Gegenübers wahrzunehmen. Der gehörte Beat allein verrät noch nicht, ob beide für die nächste Bewegung bereit sind.
Den nächsten Moment mitbekommen
Während einer Bewegung lässt sich bereits verfolgen, wohin sie führt. Dabei kann eine Erwartung entstehen, die sich noch ändern muss. Peter Keller und seine Mitautoren betrachten beim gemeinsamen Musizieren deshalb Vorausschauen, Aufmerksamkeit und Nachjustieren zusammen. Für den Tanz lässt sich dieser Gedanke so veranschaulichen: Zeichnet sich beim gemeinsamen Gehen eine Verlangsamung ab, kann sie in die eigene Vorbereitung einfließen. Ob sie wirklich kommt, zeigt der weitere Verlauf. Wer sich vorbereitet, nimmt deshalb weiterhin wahr, was das Gegenüber macht. Die Erwartung bleibt überprüfbar.
Lateral oder Viradinha sind etwa bekannte Basics im Brazilian Zouk; Variationen können daran anknüpfen. Eine Figur wiederzuerkennen und ihre Ausführung zu lesen sind jedoch zwei verschiedene Aufgaben. Man kann das richtige Muster vermuten und trotzdem einen anderen Verlauf erwarten. Oder man hält den Beginn für eine andere Figur. Diese Unterscheidung hilft, ein Missverständnis genauer anzusehen: Ging es um eine andere Fortsetzung oder darum, wie die Bewegung gerade ausgeführt wurde?
Eine Abweichung muss deshalb nicht sofort als misslungene Ausführung gelten. Sie kann auch zeigen, dass die vermutete Figur gar nicht zu dem passt, was gerade entsteht. Der bekannte Name erklärt diesen Moment noch nicht.
Kontakt beim Weiterbewegen
Bei einer Handverbindung kann die Bewegung des Gegenübers fühlbar werden. Dass darüber Richtung und Zeitpunkt vermittelt werden können, wurde an einer einfachen Gehaufgabe untersucht: Paare bewegten sich mit verbundenen Messgriffen vor und zurück. Ihre Sicht war verdeckt, und nur die führende Person hörte den Takt. Dennoch konnten sie ihre Bewegungen abstimmen. Das erklärt eine Funktion von Kontakt: Er kann Zugang zu einer Bewegung geben, die man nicht sieht. Aus diesem begrenzten Versuch lässt sich aber keine passende Griffstärke für einen Tanz ableiten.
Der Kontakt besteht außerdem zwischen Menschen, deren Abstand und Ausrichtung sich verändern. Eine Fortsetzung, für die eben noch Platz war, kann dadurch unpassend werden; an anderer Stelle öffnet sich vielleicht ein neuer Weg. In Michael Kimmels Arbeit zum Tango Argentino beschreiben und erkunden Tanzende solche Möglichkeiten während des Tanzens. Seine Beobachtungen machen deutlich, weshalb ein vorgestellter Ablauf immer wieder zur tatsächlich erreichten Position passen muss.
Wenn etwas anders endet als erwartet, beginnt die nächste Bewegung von dort aus. Man kann gemeinsam angekommen sein, obwohl dieser Ort nicht der ursprünglich gedachte war.
