Was möchtest du beim Führen oder Folgen erleben? Vielleicht freust du dich darauf, eine vertraute Figur musikalisch auszugestalten. Vielleicht möchtest du dich von einer unerwarteten Idee überraschen lassen. Schon diese Wünsche enthalten unterschiedliche Vorstellungen davon, was die beiden Tanzrollen beitragen sollen. Es lohnt sich, sie genauer anzusehen: Wer entscheidet über die Richtung, wer über die Ausgestaltung einer Bewegung, und wie viel davon entsteht erst zwischen euch? Eine hilfreiche Erklärung sollte solche Entscheidungen benennen können. Die Worte Leader und Follower allein reichen dafür kaum aus.
Eine Richtung vorschlagen und Bewegung gestalten
Die Tangolehrerin Veronica Toumanova unterscheidet in ihrem Lehrmodell zwischen der vorgeschlagenen Richtung und ihrer Ausführung. Die führende Person organisiert den Weg des Paares; die folgende Person bewegt sich aktiv und gestaltet dabei mit eigener Musikalität. Ihre tatsächliche Bewegung verlangt wiederum eine Anpassung des Leaders. So bleibt auch innerhalb einer vorgegebenen Figur etwas zu entscheiden. Toumanova beschreibt hier ihre Sicht auf Tango. Interessant daran ist die Frage nach dem Anteil an einer Bewegung: Eine Richtung vorzuschlagen und sie tänzerisch auszuführen sind unterschiedliche Aufgaben, die beide Gestaltung enthalten können.
Sharna Fabiano setzt in ihrer Beschreibung der Tanzrollen einen anderen Schwerpunkt: ergänzende Aufgaben ohne eine Rangordnung zwischen den Menschen. Sie beschreibt Following als aufmerksam, verantwortlich und ausdrucksvoll. Das ist ihre Lehrperspektive, keine Bestandsaufnahme sämtlicher Tanzszenen. Für die Betrachtung einer konkreten Figur hilft diese Unterscheidung dennoch: Verschiedene Zuständigkeiten sagen zunächst etwas über die Organisation der Bewegung. Daraus ergibt sich kein höherer persönlicher Wert einer Rolle. Wer die nächste Richtung vorschlägt, muss deshalb nicht zugleich über den gesamten Ausdruck beider Personen bestimmen.
Wenn eine Idee eine Antwort bekommt
Der Swinglehrer Bobby White beschreibt diesen Austausch aus der Perspektive eines zuhörenden Leaders. Eine Variation des Followers kann eine neue eigene Idee auslösen, ergänzt werden oder die Fortsetzung des Tanzes verändern. Damit erhält der Beitrag der folgenden Person Einfluss auf das gemeinsame Geschehen. Der interessante Moment liegt also auch nach der Variation: Wird sie wahrgenommen, und geschieht etwas mit ihr? Whites Lehrgedanke richtet die Aufmerksamkeit auf diese Antwort. Eine vorab geplante Folge bleibt dabei veränderbar, weil eine Idee des Gegenübers einen anderen Anschluss nahelegen kann.
Eine Antwort muss dabei nicht dieselbe Form annehmen. West Coast Swing Online beschreibt beispielsweise das Aufgreifen einer Bewegungsqualität: Eine ausladende Bewegung kann durch eine anders geformte, ebenfalls weite Bewegung beantwortet werden. Beide Personen gestalten etwas Zusammengehöriges, ohne einander genau zu spiegeln. Der Lehrtext behandelt solche Möglichkeiten für beide Rollen. Das erweitert die Vorstellung von gemeinsamer Gestaltung: Übereinstimmung kann sich darauf beziehen, wie eine Bewegung wirkt, während die einzelnen Körperformen verschieden bleiben. Als Idee zum Beobachten ist das auch ohne komplizierte Figur verständlich.
Eigene Bewegungssprache im Brazilian Zouk
Bath Zouk betont in seiner Lehrbeschreibung die unterschiedlichen Bewegungsstile beider Personen. Die Schule verwendet dafür unter anderem den Ausdruck „followfreedom“. Sie beschreibt persönliche Einflüsse, etwa aus Hip-Hop oder Contemporary, als mögliche Beiträge zur gemeinsamen Gestaltung, solange die Verbindung berücksichtigt wird. Das ist eine bestimmte Perspektive innerhalb des Brazilian Zouk. Sie gibt keine pauschale Erlaubnis, beliebige Elemente in jeden Tanz einzubauen. Ihre Frage ist vielmehr, wie der eigene Stil mit dem Stil des Gegenübers zusammenkommen kann. Unterschiedlichkeit wird damit zu etwas, womit das Paar arbeitet.
Damit die eigene Ausführung bewusst wird, braucht sie auch Aufmerksamkeit beim Lernen. Laura Riva empfiehlt Lehrenden, Follower ausdrücklich anzusprechen und ihren Anteil an einer Bewegung zu erklären. Eine bekannte einfache Figur kann etwa Anlass sein, an Gewichtsverlagerung oder Körperausrichtung zu arbeiten. Die Follower-Aufgabe bleibt dann ein eigener Lerngegenstand. Rivas Unterrichtsperspektive ergänzt die Frage nach kreativen Freiräumen um die Voraussetzungen für ihre Ausgestaltung: Was nehme ich wahr, und was tue ich selbst? Wer seine Bewegung versteht, hat etwas Konkretes, worüber beim gemeinsamen Üben gesprochen werden kann.
Beide Rollen kennenlernen und eigene Wünsche behalten
Auch die andere Rolle braucht eigene Übungszeit. Hisako Izutsu berichtete 2017 in einem Zoukology-Interview, dass ihre starke Beschäftigung mit Leading zu wenig Zeit für ihr eigenes Following gelassen hatte. Daraufhin widmete sie sich wieder gezielt dem Training als Follower. Ihr Bericht beschreibt eine persönliche Verteilung von Übungszeit. Er belegt weder einen grundsätzlichen Nachteil des Rollenwechsels noch eine Pflicht, beide Rollen zu lernen. Er macht aber eine praktische Frage sichtbar: Welchen Teil deines Tanzens möchtest du gerade weiterentwickeln, und bekommt dieser Teil tatsächlich Raum?
Du darfst eine Rolle bevorzugen und trotzdem neugierig auf die andere sein. Auch deine Wünsche an einen Tanzabend dürfen wechseln: heute aufmerksam ausprobieren, ein anderes Mal Vertrautes genießen. Eigene Ideen einzubringen sollte kein neuer Leistungsauftrag werden. Niemand muss in jeder Figur eine besonders originelle Antwort liefern oder fortlaufend beweisen, wie aktiv die eigene Rolle ist. Wenn du etwas ausprobieren möchtest, kannst du das mit einer vertrauten Übungsperson verabreden. Ein klarer Wunsch wie „Ich möchte heute meine musikalische Gestaltung besser kennenlernen“ lässt offen, was dabei herauskommt, und benennt zugleich dein Interesse.
