Wer führt, wer folgt – und warum gerade diese Person? Hinter der Rollenwahl steckt eine größere Frage: Was gehört zum gemeinsamen Tanzen, und was erwarten wir voneinander, weil wir jemanden als Frau, Mann oder nichtbinäre Person wahrnehmen?
Geschlechtsidentität beschreibt, wie ein Mensch das eigene Geschlecht erlebt; sexuelle Orientierung bezeichnet, zu wem sich jemand hingezogen fühlt. Geschlechtsausdruck betrifft wiederum etwa Kleidung, Stimme oder Auftreten. Diese Unterscheidung hilft auch auf der Tanzfläche. Ein Kleid verrät keine Identität, eine führende Frau muss keine männliche Identität annehmen, und ein Mann, der einem Mann folgt, gibt damit keine Auskunft über seine sexuelle Orientierung. Auch „nichtbinär“ ist keine Bezeichnung für Menschen, die beide Tanzrollen lernen. Der Begriff beschreibt ein Geschlechtserleben außerhalb der ausschließlichen Einteilung in Frau oder Mann. Welche Selbstbezeichnung passt, bestimmt die betreffende Person.
Die European Equality Dance Association trennt diese Ebenen in ihrer Definition ausdrücklich: Menschen können ihre Tanzpartner und ihre Rolle unabhängig von Geschlecht, Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung wählen. Eine solche Öffnung betrifft also mehrere Freiheiten zugleich. Mit wem jemand tanzt und welche Rolle dabei übernommen wird, sind verschiedene Entscheidungen.
Was ein altes Lehrbuch voraussetzt
In ihrem Lehrbuch Modern Dancing von 1914 erläutern Irene und Vernon Castle den One Step mit einer festen Zuordnung: Der Herr bewegt sich zunächst vorwärts, die Dame rückwärts. Als Begründung dient neben seinem Überblick über die Tanzfläche ihre angeblich größere Anmut beim Rückwärtsgehen. Ein Bewegungsablauf wird so mit einer Geschlechtererwartung erklärt. Zugleich verlangt das Buch leichtes gemeinsames Tanzen und kritisiert grobes Festhalten. Die historische Vorschrift ist also genauer anzusehen als ein schlichtes Bild von männlicher Härte und weiblicher Passivität. Sie dokumentiert das Lehrideal dieses Duos, nicht sämtliche damaligen Tanzbegegnungen.
Auch im Brazilian Zouk ist umstritten, was eine Tradition bewahrt oder verändert. Manche Praktizierende wechseln innerhalb desselben Tanzes zwischen Führen und Folgen. Andere betrachten dies als Eingriff in das Wesen des Paartanzes. Diese Auseinandersetzung ist in einer historischen Untersuchung dokumentiert, die schriftliche Quellen und eigene Feldnotizen zusammenführt. Überlieferung enthält also auch Widerspruch und unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft eines Tanzes.
Menschen schaffen sich eigene Tanzräume
Veränderung entsteht dabei auch aus der Frage, wer überhaupt vorkommt. Mariana Docampo formulierte 2005 die Grundlage ihres Tango-Queer-Angebots in Buenos Aires. Vorausgegangen waren unter anderem ihre Kurse für Frauen in einem lesbisch-feministischen Treffpunkt. Ihr Manifest richtet sich gegen die feste Verbindung von Geschlecht und Tanzrolle; das Lernen beider Rollen soll freie Entscheidungen ermöglichen. Besonders deutlich macht sie die fehlende Sichtbarkeit von Frauenpaaren. Für diese Initiative war Rollenwahl damit auch eine Frage kultureller Zugehörigkeit. Die Beteiligten schufen einen Ort für ihre eigenen Beziehungen zur Musik und zueinander.
Eigene Räume können anschließend institutionelles Gewicht bekommen. In Deutschland gründeten Tanzende, Veranstaltende, Vereinsvertretungen, Lehrende und Wertungsrichtende 2008 den Deutschen Verband für Equality-Tanzsport. Die Beitrittsvereinbarung mit dem Deutschen Tanzsportverband folgte 2010. Damit erhielt ihre gemeinsame Arbeit eine anerkannte organisatorische Form. Turniere koordinieren, Veranstaltende beraten und die Interessen der Tanzenden vertreten sind Aufgaben jenseits einer einzelnen Rollenentscheidung. Solche Strukturen machen verständlich, warum die Geschichte offener Rollen auch eine Geschichte von Vereinen und Verbänden ist.
Bei der europäischen EEDA gehört beides zum Selbstverständnis: freie Wahl und die ausdrückliche Anerkennung der LGBTQIA+-Gemeinschaften, aus denen Equality-Tanzen gewachsen ist. Offenheit bedeutet in dieser Auffassung deshalb auch, die Menschen und Beziehungen sichtbar zu halten, die solche Möglichkeiten geschaffen haben.
Rollen öffnen, Können ernst nehmen
Im Brazilian Zouk hat die Unterscheidung eine konkrete Wettbewerbsform. Bei registrierten Jack-and-Jill-Wettbewerben des Brazilian Zouk Dance Council darf man unabhängig vom Geschlecht als Leader oder Follower antreten. Die Rollen haben getrennte Punkte, weil Können in einer Rolle nicht automatisch Können in der anderen bedeutet. Das ist eine wichtige Präzisierung: Zugang zu einer Rolle und Erfahrung darin sind verschiedene Fragen. Eine geschlechtsunabhängige Rollenwahl hebt das Lernen nicht auf. Dieses Regelwerk betrifft allerdings die Wettbewerbe des Council; es beschreibt nicht automatisch die Praxis jedes Unterrichts oder jeder Tanzparty.
Auch die Wörter verdienen Aufmerksamkeit. Die Zouk-Untersuchung beschreibt den Wechsel zu Leader und Follower und Debatten über Eigeninitiative beim Folgen. Es geht damit zugleich um die Besetzung eines Paares und um den Beitrag, den beide leisten.
Für Tango arbeitet Luna Beller-Tadiar diesen Zusammenhang aus einer queeren Tanz- und Lehrperspektive heraus. Folgen verlangt in dieser Analyse Wahrnehmen und Interpretieren; wer diese Arbeit übersieht, kann den gemeinsamen Tanz fälschlich einer einzigen Person zuschreiben. Zugleich unterscheidet der Essay das Wechseln der Rollen von deren geschlechtlicher Bedeutung. Manche queeren Tanzenden spielen bewusst mit femininem oder maskulinem Ausdruck, andere möchten solche Zuordnungen möglichst zurücknehmen. Deshalb bezeichnet „queer“ keine einheitliche Bewegungsweise. Zwei Menschen können ihre Rollen beibehalten und dennoch anders mit deren Bedeutung umgehen. Ein sichtbarer Wechsel allein erklärt ihre Beziehung zum Tanz nicht.
Offenheit hat mehrere Seiten
Dass dabei unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen, dokumentiert ein Symposium von pinkballroom und DVET aus dem Jahr 2022. Nichtbinäre Teilnehmende beschrieben Frauen- und Männerkategorien als Zugangshürde. Andere betonten den Wert eigener Frauenkategorien angesichts ihrer Erfahrungen mit benachteiligender Bewertung. Der Bericht hält diese Spannung fest, statt eine gemeinsame Lösung vorzutäuschen. Er zeigt, warum eine neue Überschrift über einem Turnier nicht alle Fragen beantwortet. Welche Kategorien bestehen, wer sich darin wiederfindet und welche Erfahrungen in Entscheidungen eingehen, gehört ebenfalls zur Tanzkultur.
Mitgestaltung reicht weiter als die Erlaubnis mitzutanzen. In den 2021 veröffentlichten Interviews des britischen Tanzlehrverbands ISTD kritisierte die Beraterin Jessica Allen, dass Stimmen transgeschlechtlicher Kunstschaffender bei Entscheidungen nicht ausreichend ernst genommen würden. Ihre Forderung nach freierem Ausdruck auf Bühne und im Studio ergänzt die Frage nach Rollenwahl um die Frage nach Einfluss. Wer Unterricht, Darstellungen und Zugänge mitgestaltet, kann auch benennen, was in scheinbar selbstverständlichen Abläufen übersehen wird.
Für den einzelnen Tanz eröffnet sich damit auch eine ästhetische Frage: Wie möchten diese beiden Menschen zusammen aussehen und sich ausdrücken? Das DVET-Leitbild unterstützt ausdrücklich unterschiedliche Antworten – von vertrauten Erscheinungsbildern bis zu Paaren, die sich keiner geschlechtlichen Rollenzuordnung entsprechend präsentieren möchten. Für Lehrende folgt daraus die Aufgabe, individuelle Vorlieben zu unterstützen. Es wäre widersprüchlich, eine feste Vorgabe durch die Erwartung zu ersetzen, jedes Paar müsse nun sichtbar mit Geschlecht spielen. Unterschiedliche Gestaltungen können nebeneinander bestehen.
