„Ich tanze“ kann eine Tätigkeit beschreiben oder etwas darüber sagen, wer man ist. Wenn Tanzen zum Selbstverständnis gehört, spielen eigene Erfahrungen und die Wahrnehmung durch andere zusammen. Dabei können verschiedene Seiten einer Person nebeneinander bestehen.

Der Psychologe Luca Tateo untersuchte das in einer italienischen Tango-Community durch Beobachtungen und vier Interviews. Eine Tänzerin erzählte, wie andere ihre Entwicklung bemerkten. In einer weiteren Interviewpassage werden Tanzszene und Studierendenleben als unterschiedliche Zugehörigkeiten beschrieben. Das Selbstbild entsteht hier in Beziehungen und bleibt mit anderen Lebensbereichen verbunden.

Zugehörigkeit hat mehrere Ebenen

Tanzen kann sogar eine Verbindung zwischen einem früheren und einem neuen Lebensabschnitt herstellen. In einer Untersuchung mit neun Studierenden einer englischen Hochschule beschrieb die unter dem Pseudonym Beatrice vorgestellte Teilnehmerin Salsa als Verbindung zu ihren Tanzerfahrungen vor dem Studium.

Andere erzählten, dass die gemeinsamen Abende ihre Zugehörigkeit zur Hochschule stärkten. Das Tanzen verknüpfte Menschen verschiedener Studiengänge. Diese persönlichen Berichte zeigen eine weitere Möglichkeit: Eine Tanzgruppe kann den eigenen Platz in einem größeren Umfeld mitgestalten. Eine vertraute Tätigkeit bekommt darin eine neue Bedeutung.

Was sich in Bewegung ausdrücken lässt

Das Selbstbild kann auch zum Gegenstand eines Tanzes werden. Drei Schwarze Schülerinnen einer US-Highschool gestalteten für eine Fallstudie eine Choreografie über ihre Erfahrungen im Physikunterricht. Für Freude und erarbeitete Zugehörigkeit wählten sie unter anderem Majorette, die von ihnen bevorzugte Tanzform.

Die Forscherinnen verbanden die Bewegungen mit den Erläuterungen und selbst gewählten Abschnittstiteln der Jugendlichen. So wurde nachvollziehbar, welche Geschichte sie erzählen wollten. Ihr Tanzen gab ihnen eine Form, Erfahrungen auszuwählen und zu deuten. Die Bedeutung einer Bewegung war hier eng mit den Menschen verbunden, die sie gestalteten.

Persönlicher Ausdruck hat dabei eine Vorgeschichte. Akram Khan beschrieb 2017, wie er zunächst die Ausdrucksweise seines Kathak-Lehrers übernahm und später im Contemporary nach einer eigenen Stimme suchte. Das war seine persönliche Entwicklung zwischen verschiedenen künstlerischen Einflüssen.

Auch sein Stück DESH verband er mit der Frage nach Zugehörigkeit: dem Verhältnis zu seinem Vater und dessen Heimat Bangladesch sowie seinem eigenen britischen Zuhause. Tanz wurde für ihn zum Ort, an dem diese unterschiedlichen Bezüge zusammenkamen. Die eigene Ausdrucksweise entsteht in solchen Erzählungen im Umgang mit geerbten und hinzugekommenen Erfahrungen.

Welche Bedeutung Menschen ihrer Bewegung geben, kann allerdings mit Erwartungen einer Szene kollidieren. Die Soziologin Magdalena Wojciechowska dokumentierte in ihrer Pole-Dance-Forschung in Polen auch Unbehagen gegenüber vorgegebenen Weiblichkeitsbildern. Eine Teilnehmerin empfand die Aufforderung, sich beim Einstieg möglichst verführerisch zu bewegen, als unecht.

Eine andere hob hervor, wie unterschiedlich dieselbe Routine getanzt werden konnte und wie veränderlich ihr Ausdruck blieb. Darin liegt ein praktischer Unterschied zwischen einer Bewegungsaufgabe und einer vorgeschriebenen Persönlichkeit. Sich einen Tanz anzueignen lässt Raum für eigene Deutungen; eine bestimmte Ausstrahlung muss dadurch nicht zur dauerhaften Rolle werden.

Wenn sich der Platz des Tanzens verändert

Auch die Form der Teilnahme kann sich wandeln. Dawn Bennetts Untersuchung australischer Tanzschaffender zeigte Berufswege, in denen Auftritte, Unterricht und andere Tätigkeiten ineinandergriffen. Veränderungen wurden teils als Verlust, teils als Erweiterung oder Erleichterung beschrieben. Tanzidentität war dabei an mehr gebunden als an das aktuelle Auftreten auf einer Bühne.

Berufliche Übergänge haben eigene Bedingungen. Für das persönliche Verhältnis zum Tanzen öffnet sich dennoch eine Frage: Welche Form der Teilnahme passt heute zu mir? Eine Antwort darf sich verändern. Tanzen kann einen vertrauten Platz im eigenen Leben behalten, während sich sein Umfang und seine Bedeutung verschieben.