Eine vertraute Grundbewegung kann länger dauern, ihre Richtung verändern oder früher in eine andere Figur übergehen. Dafür muss niemand eine neue Figur erfinden. Eine Möglichkeit des Improvisierens liegt darin, den Ablauf zu verändern; eine andere darin, dieselbe Bewegung anders auszuführen.
Zum Repertoire im Brazilian Zouk gehören Basics wie Lateral und Viradinha. Aus einer Viradinha kann beispielsweise eine Basisvariation mit veränderter Richtung werden. Werden mehrere Bewegungen miteinander verbunden, entsteht eine Kombination. Diese Unterscheidung hilft beim Blick auf den eigenen Tanz: Mehr Material muss nicht immer mehr unterschiedliche Figuren bedeuten. Man kann auch die Variationen und Verbindungen genauer kennenlernen, die das vorhandene Repertoire bietet. Eine gelernte Kombination enthält bereits mehrere Bewegungen und damit Material, mit dem weitergearbeitet werden kann.
Die Fortsetzung bleibt veränderbar
Dazu gehört, die Übergänge zu kennen. Wo endet eine Bewegung so, dass eine andere anschließen kann? In seiner ethnografischen Arbeit zum Tango Argentino beschreibt Michael Kimmel vertraute Positionen zwischen den Tanzenden, von denen mehrere Wege weiterführen. Solche Übergänge können auch innerhalb einer bekannten Figur liegen. Eine Kombination lässt sich dann als vorläufiger Plan verwenden: Der Anfang ist vertraut, doch die Fortsetzung bleibt veränderbar. Wer diese Möglichkeiten kennt, muss beim Improvisieren weder den gesamten Tanz vorausplanen noch jede Bewegung völlig neu beginnen.
Was daraus entsteht, entscheidet sich auch am Gegenüber. Die eigene Idee kann sich bereits verändern, während sie ausgeführt wird. Interviews und gemeinsame Bewegungsanalysen mit erfahrenen Contact-Improvisation-Tanzenden beschreiben das als einen Teil ihres kreativen Arbeitens: Sie greifen auf, was im Zusammenspiel entsteht. Neu kann dabei ein Zugang zu einer vertrauten Bewegung sein oder eine kaum sichtbare Qualität ihrer Ausführung. Der kreative Moment liegt dann im Wie. Von außen lässt sich nicht immer erkennen, was die Beteiligten gerade entdecken. Ein gedachtes Beispiel: Eine Person wiederholt einen Bewegungsakzent, die andere nimmt ihn ins Weitergehen mit.
Diese Offenheit hat eine handwerkliche Seite. Beim Zouk-Autor Jukka Välimaa baut das Variieren darauf auf, die Grundbewegung und die Kommunikation mit dem Gegenüber zu verstehen. Eine andere Richtung braucht einen passenden Übergang; ein anderer Rhythmus muss miteinander ausführbar bleiben. Die Idee allein macht aus einer Variation noch keine gemeinsame Bewegung.
Mit einer offenen Aufgabe tanzen
Solche Möglichkeiten können zum Gegenstand einer gemeinsamen Suche werden. Der Zouk-Lehrer Evandro Maurício Sales da Costa beschreibt in seiner Abschlussarbeit aus Belém ein Spiel zum Corredor: Andere Teilnehmende bilden einen Tunnel, durch den jeweils ein Paar tanzt. Das Thema ist vorgegeben; die Bewegungsmöglichkeiten innerhalb dieses Themas werden erkundet. Das Beispiel stammt aus seiner eigenen Lehrpraxis. Es zeigt einen konkreten Unterschied zwischen einer festgelegten Folge und einer offenen Aufgabe: Beide geben Orientierung, aber bei der Aufgabe bleibt die Lösung den Tanzenden überlassen.
Ein solcher Rahmen kann auch einen längeren Verlauf tragen. Beim Underscore, den Nancy Stark Smith entwickelte, kennen die Beteiligten verschiedene Phasen einer improvisatorischen Praxis. Sie gestalten ihre Bewegungen und Begegnungen innerhalb dieses Rahmens selbst. Ein solcher Score ist eine Vereinbarung über den Verlauf, ohne sämtliche Bewegungen festzulegen. Die gemeinsame Orientierung wird vorab vermittelt; beim Tanzen folgt nicht auf jede Bewegung eine neue Ansage. Diese Praxis kommt aus einem anderen Zusammenhang als Brazilian Zouk. Sie macht aber verständlich, wie ein bekannter Rahmen und ein offener Verlauf zusammenpassen können.
Ob eine Vorgabe tatsächlich andere Bewegungen entstehen lässt, hängt von ihrer konkreten Gestaltung ab. In einer kleinen Untersuchung tanzten drei erfahrene Contact-Improvisation-Tanzende Duette mit unterschiedlichen Vorgaben zum Abstand ihrer Becken. Die Vorgabe eines größeren Abstands führte über längere Zeitabschnitte zu vielfältigeren Bewegungsmustern als beim Tanzen ohne zusätzliche Abstandsvorgabe. Für kurze Zeitabschnitte zeigte sich dieser Unterschied nicht. Gemessen wurde die sichtbare Bewegung, nicht die Qualität des Erlebens. Daraus folgt weder ein Abstandsrezept für Zouk noch die Regel, jede Einschränkung mache kreativer.
Ideen für diese Begegnung
Auch eine Vorführung bietet dafür keinen vollständigen Maßstab. Ein eingespieltes Paar kennt die Bewegungen und Vorlieben des Gegenübers; auf einer freien Fläche stehen andere Möglichkeiten offen als mitten auf einer Party. Välimaa erinnert in seinem Text über Zouk-Demos an diese Unterschiede. Bei einem Social Dance kann das Erfahrungsniveau der beiden Menschen weit auseinanderliegen. Eine auffällige Kombination aus einem Video beantwortet deshalb noch nicht, was mit diesem Gegenüber möglich ist. Für die Auswahl zählt die tatsächliche Begegnung, mit ihrem gemeinsamen Repertoire und dem Platz, der gerade zur Verfügung steht.
