DJ Sprenk hatte einen vorbereiteten Auftakt für einen Zouk-Weekender in Boston dabei. Fast sofort verwarf er ihn. In seiner veröffentlichten Setbeschreibung erklärt er, dass der geplante Energieverlauf nicht zur anwesenden Gruppe passte. Darin steckt eine wesentliche Aufgabe beim Auflegen: eine Auswahl vorbereitet haben und erkennen, wann eine andere besser passen könnte. Was gehört zu dieser Arbeit, die wir auf der Tanzfläche meist nur als nächsten Song wahrnehmen?
Die Auswahl beginnt lange vor dem Abend
Spontane Auswahl braucht Möglichkeiten. Mr Scruff beschreibt im Gespräch mit dem Magazin Now Then, wie viel Zeit er in das Packen seiner Platten steckt. Er achtet auf unterschiedliche Stimmungen und Tempi; zu eigenwilligen Aufnahmen nimmt er zugänglichere Begleiter mit. Ein ungewöhnliches Stück bekommt Gesellschaft, mit der es sich später verbinden lässt. Seine Sammlung enthält dadurch mehrere denkbare Fortsetzungen. Welche davon erklingt, entscheidet sich im Verlauf des Abends. Auch die Technik prüft er vor dem Einlass, damit seine Aufmerksamkeit anschließend bei der Musik bleiben kann.
Bei digitalen Sammlungen kommt das Wiederfinden hinzu. Luciano erklärt im Interview mit Native Instruments, dass er seine Tracks mit eigenen Beschreibungen versieht. Die Notizen halten etwa fest, ob Musik für einen Einstieg, einen allmählichen Aufbau oder einen weicheren Morgen geeignet erscheint. Diese Kommentare helfen ihm mehr als eine bloße Sternebewertung. Denn eine Bewertung sagt wenig darüber, wofür sich ein Stück gerade anbietet. Solche persönlichen Ordnungssysteme machen aus einer großen Sammlung ein Arbeitsmittel: Der DJ sucht unter Zeitdruck nach einem musikalischen Anschluss und muss die passende Aufnahme auch tatsächlich finden können.
Die Swing-DJ Sam Carroll übte vor ihren ersten Einsätzen sogar den Zeitdruck. Zu Hause stellte sie Folgen in Echtzeit zusammen; bis zum Ende des laufenden Songs musste die nächste Auswahl bereitstehen. Auch Kabel und Softwarebedienung probierte sie vorher aus. So bekamen musikalische Ideen einen praktischen Ablauf.
Vorbereitet sein und im Moment entscheiden
Wie viel vorher feststeht, ist unterschiedlich. Die französische DJ RONI erzählt im gemeinsamen Tsugi-Interview mit Amor Satyr, dass ihre gemeinsamen Sets improvisiert entstehen. Für besonders wichtige Termine bereitet sie sich dennoch ausführlicher vor, um beim Auflegen präsenter und dem Publikum zugewandter zu sein. Amor Satyr würde einzelne Übergänge gern noch gründlicher erproben. Hier sind Vorbereitung und Offenheit miteinander verbunden: Wer einen Übergang bereits kennt, muss seine Ausführung im entscheidenden Moment weniger mühsam zusammensuchen. Erprobt wird eine mögliche Verbindung für das Set. Eine vollständige Reihenfolge folgt daraus noch nicht.
Zur Aufmerksamkeit gehört auch Abstand vom eigenen Geschmack. Carroll beschreibt, wie leicht die eigene Begeisterung überdecken kann, was im übrigen Raum geschieht. Als DJ möchte sie mitfühlen und gleichzeitig beobachten. Beides gleichzeitig aufrechtzuerhalten, erlebt sie als anstrengend.
Wie mehrdeutig Rückmeldungen sein können, zeigt ihr öffentlicher Rückblick auf ein Set beim MLX9 in Melbourne 2009. Carroll beschreibt einen zunächst gut aufgenommenen längeren Titel, nach dem sie die Gruppe als müde erlebte. Auch die anschließende Auswahl passte aus ihrer Sicht schlecht. Zugleich spielten das späte Zeitfenster, ein paralleler Bluesraum und ihre eigene Erschöpfung in ihre Bewertung hinein. Eine volle Fläche bei einem Song war für sie deshalb noch kein Urteil über die gesamte Folge. Ihr Bericht hält mehrere mögliche Zusammenhänge offen und untersucht, an welcher Stelle die eigene Entscheidung weniger glücklich war.
Der Abend hat einen größeren Zusammenhang
Tango-DJ Michael Lavocah betrachtet die Aufgabe in einem anders gegliederten Format: Musik wird in Tandas, also Gruppen von Stücken, zusammengestellt. Für ihn hängt die nächste Auswahl sowohl von der Atmosphäre als auch von der gewünschten weiteren Entwicklung ab. Mehrere Richtungen bleiben möglich. Er beschreibt außerdem, wie sich ein längerer Abend mit Ankommenden und Gehenden verändert. Eine übernommene Tanda wirkt deshalb in einem anderen Zusammenhang anders. Sein Ansatz richtet den Blick über den einzelnen Titel hinaus: Welche Beziehung entsteht zwischen dem gerade Gehörten, den Menschen im Raum und dem, was folgt?
Übergänge gestalten auch das gemeinsame Tanzen
Wie Musik weitergeht, beeinflusst auch Paartanz. Im Zoukology-Interview von 2017 plädiert DJ Dravid Shiv für durchgehende Mixe. Als Tänzer empfindet er Aus- und Einblenden zwischen Songs als Unterbrechung. Er möchte Raum für Tänze schaffen, die über einen einzelnen Titel hinausreichen. Gleichzeitig betont er, dass ein gemeinsamer Tanz auch ohne musikalischen Stopp beendet werden darf. Seine Vorliebe verbindet eine klangliche Entscheidung mit einer sozialen Vorstellung. Der Übergang soll Kontinuität anbieten; wie lange zwei Menschen miteinander tanzen, bleibt ihre Entscheidung. Eine verbindliche Regel für sämtliche Zouk-Abende ergibt sich daraus nicht.
Ein Songende kann aber auch gerade das sein, was ein DJ erhalten möchte. Mr Scruff erklärt gegenüber MusicRadar, dass manche Aufnahmen einen starken eigenen Anfang oder Schluss besitzen. Diesen lässt er gegebenenfalls Platz, anstatt ihn zwangsläufig mit dem nächsten Titel zu überlagern. Sein Clubansatz fragt danach, wie viel Gestaltung bereits in der Aufnahme steckt. Ein zurückhaltender Übergang kann diese Gestalt hörbar lassen. Damit bekommt auch die Arbeit am Mischpult einen konkreten Maßstab: Was gewinnt die musikalische Folge durch den Eingriff, und welcher Teil eines Stücks würde dabei verschwinden?
Hinter dem Set steht weitere Arbeit
Zu einem Abend mit mehreren DJs gehört die Abstimmung. Carroll beschreibt für ihre Tätigkeit beim Herräng Dance Camp 2016 regelmäßige Besprechungen und wechselnde Aufgaben. Das DJ-Management verband die Einsätze mit Bands, Bühnenprogrammen und verschiedenen Tanzflächen. Bei Änderungen mussten alle Beteiligten reagieren können. Hinzu kam der Austausch untereinander über einzelne Aufnahmen. Was für Tanzende wie ein fortlaufendes Programm erscheint, besteht auf dieser Seite aus Übergaben, Kenntnis des Veranstaltungsplans und gemeinsamer Vorbereitung. Die eigene Auswahl muss in einen Abend passen, an dem auch andere Menschen musikalisch und organisatorisch mitarbeiten.
Wiederkehrende Abende geben dieser Arbeit einen längeren Horizont. Im Interview mit seinem Veranstaltungsort Band on the Wall beschreibt Mr Scruff seine Residency als wichtigen Raum für die eigene Entwicklung. Verlässliche Bedingungen treffen dort auf kleine Veränderungen von Monat zu Monat. Auch das Durchsehen seiner Plattensammlung brachte ihm längst vergessene Aufnahmen zurück. Eine Residency bedeutet regelmäßiges Auflegen am selben Ort; dadurch können solche Wiederentdeckungen später ihren Platz finden. Die Arbeit geht also weiter, während gerade niemand auf der Tanzfläche steht: eine Aufnahme erneut kennenlernen, eine Möglichkeit wiederentdecken, sie für einen kommenden Abend im Kopf behalten.
