Wer in Brasilien von danças de salão spricht, meint verschiedene Paartanztraditionen. Ihre Geschichten führen durch unterschiedliche soziale Milieus. Zur Geschichte der Tanzvereine in Rio gehören auch die Freizeitkultur und Zusammenschlüsse Schwarzer Arbeiterinnen und Arbeiter. Solche Zusammenhänge verschwinden leicht, wenn brasilianischer Paartanz allein als Technik beschrieben wird. Forró und Samba de Gafieira lassen sich deshalb gut über Musik, Begegnung und Weitergabe kennenlernen.
Forró: Musik, Tanz und ein gemeinsames Fest
Forró ist eng mit dem Nordosten Brasiliens verbunden. Zu seinen traditionellen musikalischen Formen gehören etwa Baião, Xote und Arrasta-pé. Ein bekanntes Klangbild entsteht aus Akkordeon, Zabumba und Triangel: Die Zabumba ist eine Trommel, die Sanfona das Akkordeon. Diese Trio-Besetzung steht neben weiteren Instrumentierungen. Mit Menschen, die zum Arbeiten in andere Regionen zogen, reisten Musik und Erinnerungen mit. Forró-Abende wurden zu Begegnungsorten für Zugewanderte und ihre Familien. Dort konnten Herkunft und gemeinsame Gegenwart einen Platz finden; später kamen Menschen mit anderen Lebensgeschichten hinzu.
Dass die Tanzfläche diese Musik mitträgt, beschreibt der Veranstalter Robson Brito aus São Paulo. Sein eigener Zugang führte 2012 über Tanzunterricht zum Forró; später lernte er Zabumba. Im Interview betont er die Bedeutung der Tanzenden für das Fortbestehen der Musikszene. Sie kommen zu einem Abend, um zu tanzen, auch wenn ihnen die auftretende Gruppe noch unbekannt ist. Das eröffnet Musikern ein Publikum. Umgekehrt braucht der Tanzabend die musikalische Gestaltung. An Britos Weg lässt sich diese Verbindung auch persönlich ablesen: Tanzen und Musizieren wurden miteinander verbundene Interessen.
Wie Nähe und Bewegung zusammenfinden
Beim Forró können Paare eng beieinander tanzen, sich durch den Raum bewegen oder Drehungen aufnehmen. Wie das aussieht, unterscheidet sich zwischen Orten und Tanzenden. Die Lehrerin Aneska França erklärt im brasilianischen Forró-Dossier, dass Xote und Baião unterschiedliche Gewichtsverlagerungen und musikalische Bezugspunkte mit sich bringen. Allein schneller oder langsamer zu zählen beschreibt den Unterschied deshalb unzureichend. Auch die Benennungen sind beweglich: Ähnliche Variationen können verschiedene Namen tragen. Unterricht ordnet solche Erfahrungen; zugleich werden sie auf Festen und im Alltag weitergegeben. Vieles wurde bereits getanzt, bevor Schulen es systematisch unterrichteten.
Samba de Gafieira lebt im Tanzsaal
Samba begegnet in vielen Zusammenhängen. Samba de Gafieira gehört zur Welt des Paartanzes im Saal. Der Choreograf João Carlos Ramos unterscheidet diese Praxis vom Samba in einer Roda, einem Kreis, oder im Umfeld von Sambaschulen. Seine Erinnerungen an Rio führen zur Praça Tiradentes: Menschen aus verschiedenen Gegenden der Stadt kamen dort zusammen und gingen tanzen. Der Saal war Teil einer städtischen Begegnungskultur. Eine Samba-Bezeichnung verweist damit auch auf die Form des Zusammenseins: Ein tanzendes Paar gestaltet eine andere gemeinsame Situation als die Beteiligten einer Roda.
Das musikalische Repertoire einer Gafieira konnte dabei breiter sein als Samba. Die Musikerin und Forscherin Daniela Spielmann untersuchte in Rio verschiedene Tanzabende. Ihre Gesprächspartner beschrieben für Samba de Gafieira unter anderem gemeinsam gespielte Bläserphrasen, rhythmische Akzente und ein Wechselspiel zwischen Bläsern und Gesang. Die Spielweise sollte zum Tanzen einladen. Das erklärt, weshalb eine Instrumentenliste den Klang nur teilweise erfasst: Entscheidend ist auch, wie die Beteiligten miteinander spielen. Zugleich ordneten Musiker und eine DJ Aufnahmen unterschiedlich ein. Ein Tanzabend, sein Repertoire und eine musikalische Gattungsbezeichnung decken sich nicht vollständig.
Repertoire weitergeben und Raum miteinander teilen
Im Samba de Gafieira gibt es benannte Bewegungen und Figuren, etwa Caminhada, Cruzado oder Gancho. Caminhada bezeichnet das Gehen. Wie Fachleute ein solches Repertoire ordnen, zeigt eine von Marco Antonio Perna dokumentierte Zusammenkunft in Rio von 2001. Die Beteiligten sammelten Bezeichnungen und gliederten Unterrichtsinhalte. Dabei blieb ausdrücklich Raum für neue Variationen sowie andere Ein- und Ausgänge. Ein Verzeichnis kann gemeinsame Bezugspunkte schaffen und zugleich Veränderungen zulassen. Im Unterricht ermöglichen solche Benennungen die Verständigung über konkrete Inhalte. Ihre Bedeutung erschließt sich aus der jeweiligen Gafieira-Lehrpraxis.
Die Weiterentwicklung hat auch mit dem verfügbaren Raum zu tun. Die Tanzlehrerin Maria Antonieta erzählte 1997, dass sie ihren eigenen Stil verändert und Neues entwickelt habe. Zugleich unterschied sie zwischen einer Show und einem Saal voller Paare. Ihre Einwände gegen große Vorführeffekte bezogen sich auf deren Folgen für die anderen Tanzenden. So entsteht eine praktische Verbindung zwischen Gestaltung und Rücksicht: Eine Variation muss zur gemeinsamen Situation passen. Was ein Paar miteinander tanzt, erhält seine Form auch durch die Menschen, mit denen es das Parkett teilt.
