Bachata gehört zur dominikanischen Musik- und Tanzkultur. Sie wird bei Zusammenkünften gespielt und getanzt, innerhalb von Familien weitergegeben und in Tanzschulen unterrichtet. Seit 2019 stehen Musik und Tanz der dominikanischen Bachata auf der repräsentativen UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes. Hinter dieser Anerkennung steht eine Praxis, die Menschen miteinander teilen. Zu ihrer Geschichte gehören deshalb auch die Orte und Beziehungen, in denen sie gelernt wird.
Aus Gitarrenmusik entsteht eine eigene Richtung
Die musikalischen Wurzeln führen unter anderem zum Bolero, einer in vielen lateinamerikanischen Ländern verbreiteten Liedform. In der Dominikanischen Republik war Gitarrenmusik auf dem Land und bei informellen Zusammenkünften verbreitet. Frühe Aufnahmen wurden noch als Bolero campesino bezeichnet. Das Wort Bachata meinte zunächst eine gesellige Feier und wurde erst später zur Bezeichnung der Musik, anfangs auch abwertend. Deshalb führt die Vorstellung eines plötzlich erfundenen Genres in die Irre: Musiker griffen vertraute Formen auf und entwickelten einen unterscheidbaren Klang. Der Name und die musikalische Praxis veränderten sich dabei nicht gleichzeitig.
José Manuel Calderón erinnerte sich im Interview daran, wie er zunächst mit einem jungen Trio Serenaden spielte. 1962 nahm er auf; zu seinen frühen Liedern gehörte „Condena“. Die Aufnahme ist ein wichtiger Bezugspunkt der Bachata-Geschichte. Sie datiert aber keinen vollständigen Tanz mit festgelegten Figuren. Calderón beschrieb auch den gesellschaftlichen Widerstand: Menschen aus der Oberschicht lehnten die Musik ab, während ein anderes Publikum sie unterstützte und Musiker zu privaten Feiern einlud. Wer nur nach berühmten Aufnahmen fragt, übersieht leicht diesen Teil der Entwicklung: Menschen wollten die Musik hören und schufen Gelegenheiten dafür.
Radio Guarachita machte diese Verbindung auch über größere Entfernungen möglich. Der Sender von Radhamés Aracena spielte und vermarktete Bachata und ließ Menschen Grüße und persönliche Nachrichten übermitteln. In einer Zeit begrenzter Telefon- und Postverbindungen konnten sich so Angehörige in der Stadt und auf dem Land erreichen. Die Forscherin Julie Sellers beschreibt diese Verbindung anhand historischer Materialien und eigener Interviews. Der Sender war zugleich ein Geschäft mit Aufnahmen und ein Ort gemeinsamer Zugehörigkeit. Bachata verbreitete sich damit durch ein Netz aus Musikern, Vermittlern und Hörenden, deren Alltag in das Programm hineinreichte.
Musiker verändern Klang und Ausdruck
Spätere Musiker setzten andere Akzente. Juan Luis Guerra beschrieb seine eigene Bachata als sanfter und stärker mit Bolero verbunden. Mit „Bachata rosa“ arbeitete er in den Neunzigerjahren an einer romantischen Ausprägung, die nach seiner Einschätzung auch Menschen erreichte, die diese Musik vorher kaum hörten. Daran lässt sich eine bewusste Klangentscheidung erkennen. Ein bekannter Künstler kann einen neuen Zugang schaffen, ohne dass seine Version sämtliche anderen ersetzt. Guerras Beschreibung bezeichnet seine eigene Arbeit, keine neue Definition aller Bachata.
Bei Aventura kamen unterschiedliche Hörgewohnheiten zusammen. Romeo Santos erzählte, wie ihn neben Bachata auch die Musik seines New Yorker Alltags prägte. Seine Mitmusiker brachten wiederum eigene Vorlieben und Instrumentalideen ein. Er selbst kümmerte sich besonders um Texte. Der gemeinsame Klang entstand aus dieser Zusammenarbeit. In seinen späteren Verbindungen mit Pop betonte Santos die Bedeutung von Bongó und Güira: Die Percussion gebe auch eingängigen Popmelodien seinen Bachata-Charakter. Hier liegt ein greifbarer Unterschied zwischen bloßem Etikett und musikalischer Entscheidung. Neue Einflüsse können bestimmte Bestandteile verändern, während andere bewusst erkennbar bleiben.
Weiterentwicklung findet auch innerhalb anderer musikalischer Verbindungen statt. Joan Soriano verbindet nach der Beschreibung seines Labels iASO Bachata mit Erfahrungen aus den afrodominikanischen Traditionen Palo und Gagá, die er selbst praktiziert. Sein Album „El Duque de la Bachata“ wurde mit Produzent Benjamin de Menil live im Studio in Santo Domingo eingespielt. Dieser Aufnahmeweg gehörte zur bewussten Klangvorstellung des Labels. Solche Entscheidungen zeigen einen weiteren Zugang zur Musik: Das Zusammenspiel der Beteiligten und ihre anderen musikalischen Erfahrungen prägen die Aufnahme. Die Entwicklung lässt sich daher kaum auf einen einzigen Weg von älterer Musik zu internationalem Pop reduzieren.
Auch die erzählten Geschichten verändern sich mit den Stimmen, die zu hören sind. Andre Veloz beschrieb ihren Entschluss, die Musik zu machen, die ihr selbst entspricht, trotz Widerständen gegen Frauen im Genre. Ihr gemeinsam mit Lenino geschriebenes „Eta Que Ta’ Aquí“ greift humorvoll die Entscheidung auf, zu Hause zu bleiben und nichts zu unternehmen. Darin bekommt ein alltäglicher Wunsch Platz. Wer Bachata nur mit männlich erzähltem Liebeskummer verbindet, verpasst solche Perspektiven. Zum Kennenlernen der Musik gehört deshalb auch die Frage, wer singt und welche Erfahrungen in einem Lied überhaupt vorkommen dürfen.
Basics lassen Raum für unterschiedliche Gestaltung
Beim Tanzen hilft eine ähnliche Offenheit. Das dominikanisch ausgerichtete Lehrangebot von iASO unterscheidet Timing, Basics, Drehvariationen, Footwork und Styling. Schon diese Arbeitsfelder zeigen, dass eine Basisvariation noch nicht den gesamten Tanz beschreibt. Geläufig sind Gewichtswechsel auf drei Zählzeiten und ein Tap auf der vierten; auch anderes Timing kommt vor. Ein Tap ist dabei zunächst eine rhythmische Möglichkeit im Bewegungsablauf. Mit dem Zählen allein ist die Gestaltung nicht entschieden. Rhythmische Fußarbeit, Drehungen und persönlicher Ausdruck bleiben eigene Aufgaben innerhalb eines informellen sozialen Tanzes, dessen Praxis keine starre Figurenordnung voraussetzt.
Wie persönlich solche Grundlagen werden können, erklärt Tanzpädagoge und Dokumentarfilmer Adam Taub an seinen eigenen Einflüssen. Candé, der Vater von Joan Soriano, prägte ihn mit einer Box-Basisvariation und einem einfachen, musikalischen Tanz. Andere Vorbilder verbanden Bachata mit Bewegungsweisen aus dem Son. Taub beschreibt unterschiedliche Einflüsse auf Drehungen, Wege und Fußarbeit, ohne daraus eine einzige verbindliche Form abzuleiten. Er möchte eine solide Grundlage vermitteln und zugleich eine eigene Beziehung zum Tanz ermöglichen. „Dominikanisch“ bezeichnet in diesem Zusammenhang also eine Herkunft und Lernerfahrung mit verschiedenen Menschen; daraus folgt keine identische Ausführung für alle.
Stilnamen beschreiben auch bestimmte Lehransätze
Bachata Sensual ist wiederum mit der Arbeit von Korke und Judith in Cádiz verbunden. Sie beschreiben, wie aus längeren, fließenden Bewegungen und unterschiedlichen Möglichkeiten der Verbindung eine eigene Lehrmethode entstand. Judith brachte dabei auch den Wunsch nach mehr Ausdruck in offenen Positionen ein. Nach ihrer Erinnerung half der Veranstalter Tony Lara, den Namen zur Unterscheidung verschiedener Workshops zu etablieren. Der Begriff macht hier also einen bestimmten Ansatz erkennbar. Bei Stilbezeichnungen lohnt sich dieser konkrete Blick: Welche Bewegungsentscheidungen und welche Art der Vermittlung meinen die jeweiligen Lehrenden damit? Der Name allein beantwortet das noch nicht.
