Der kubanische Son verbindet Gesang, Instrumente und Tanz. Zum Zusammenspiel gehören eine gemeinsame rhythmische Ordnung und Raum für Improvisation. Weitergegeben wird diese Praxis in Familien, Gemeinschaften, Ensembles und im Unterricht. Instrumentenbau gehört ebenso dazu wie das Musizieren. Afrikanische und europäische Einflüsse haben hier eine eigene kulturelle Form angenommen, die bis heute gelebt wird. Musik und Tanz sind darin eng aufeinander bezogen.
Karibische Musik in einer veränderten Stadt
Der Son wurde eine wesentliche Grundlage jener Musik, die als Salsa bekannt wurde. In New York verarbeiteten Musiker kubanisches Repertoire unter neuen Bedingungen. Machitos Afro-Cubans verbanden mit Mario Bauzá die rhythmische Arbeit mit dem Klang großer Bläsersätze und Jazzarrangements. Puerto-ricanische Musiker gestalteten diese Entwicklung mit. Später trafen in benachbarten Lebenswelten lateinamerikanische Musik und afroamerikanischer Rhythm and Blues aufeinander; der Latin Boogaloo nutzte auch englische und spanische Texte. Außerdem fanden etwa puerto-ricanische Bomba und Plena Eingang ins Repertoire. Die musikalischen Begegnungen reichen somit weit über eine einzelne Herkunft hinaus.
Bomba und Plena haben zugleich ihre eigenen Zusammenhänge. Beide sind afro-puerto-ricanische Traditionen, unterscheiden sich aber in ihren Rhythmen und Instrumenten. Zur Plena gehören Panderetas, Rahmentrommeln verschiedener Größen; die kleinere Requinto übernimmt improvisierende Aufgaben. Der Musiker Tito Matos beschreibt Plena als Nachrichtenmedium der Menschen: Ihre Lieder erzählen von Ereignissen und können öffentliche Zustände kommentieren. Diese Verbindung von Rhythmus und gesellschaftlicher Erzählung gehört zur Geschichte des Repertoires. Auch in der New Yorker Diaspora pflegen Ensembles wie Los Pleneros de la 21 solche Musik bei gemeinsamen Festen und Veranstaltungen.
Wie die Musik Bewegung anspricht
Eine rhythmische Orientierung bietet die Son-Clave: fünf Schläge, über zwei Takte in einer Dreier- und einer Zweiergruppe angeordnet. Das Muster kann im Arrangement wirksam sein, ohne durchgehend ausdrücklich gespielt zu werden. Daneben entstehen wiederkehrende Figuren, etwa ein Montuno am Klavier. Wie Wiederholung und Veränderung zusammenarbeiten, beschreibt eine Smithsonian-Unterrichtsanalyse von Héctor Lavoes „Mi Gente“: Auf einen anfänglichen Versabschnitt folgt der Wechsel zwischen wiederholtem Chorgesang und improvisierten Antworten. Der Chor bietet dabei eine wiedererkennbare Bezugslinie, während die Solostimme variieren kann. Mehrere musikalische Aufgaben greifen ineinander.
Für Tanzende lässt sich über solche Aufgaben ein Spannungsverlauf gestalten. Eddie Palmieri erklärte im Gespräch mit der National Endowment for the Arts, wie er kubanische musikalische Strukturen mit Jazzharmonik verband. Er beschrieb einen Aufbau über Klavier-, Bongo- und Timbales-Soli bis zum gemeinsamen Einsatz des Ensembles. Die Besetzung seiner La Perfecta mit zwei Posaunen und Flöte gab ihm dafür besondere Klangmöglichkeiten. Entscheidend an seiner Erklärung ist die Absicht hinter der Abfolge: Er dachte beim Arrangieren an die Menschen auf der Tanzfläche und daran, wie sich die Spannung für sie entwickeln würde.
Schallplatten verbreiten auch Geschichten
Mit Fania entstanden weitere Wege, solche Musik zu verbreiten. Johnny Pacheco, der aus der Dominikanischen Republik stammte, und Jerry Masucci gründeten das Label 1964 in New York. Die Fania All-Stars brachten Musiker des Hauses gemeinsam auf die Bühne. Ihr Konzert im Cheetah von 1971 wurde aufgenommen und fand Eingang in den 1972 veröffentlichten Film „Nuestra Cosa Latina“. Platten, Konzert und Film erschlossen damit verschiedene Zugänge zu derselben musikalischen Szene. Wer die Musik aufnahm, zusammenstellte und verbreitete, prägte auch ihre öffentliche Wahrnehmung. Die Geschichte des Labels gehört deshalb zur Entwicklung der Salsa.
Mit den Sängerinnen und Sängern reisten bereits geprägte Stimmen und Repertoires. Celia Cruz war durch ihre Arbeit mit La Sonora Matancera und als Interpretin der Guaracha bekannt, bevor sie später mit Tito Puente und den Fania All-Stars zusammenarbeitete. Guaracha verbindet bewegte Musik mit oft humorvollen oder spöttischen Texten. Cruz brachte diese Gesangserfahrung aus Kuba in ihre weitere Laufbahn ein. Ihr Weg macht eine Kontinuität innerhalb der Veränderungen sichtbar: Ein neuer musikalischer Zusammenhang konnte auf einer lange entwickelten Ausdrucksweise aufbauen.
Auch das Erzählen bekam eigene Formen. Rubén Blades beschreibt die Lieder von „Siembra“ als Geschichten aus dem städtischen Alltag, über Lebensfragen und Politik. Sein Rückblick nennt zugleich die vielen Beteiligten an der Produktion: Willie Colón als Produzenten, unterschiedliche Arrangeure, das Orchester, Gäste und die Arbeit an Tonaufnahme und Gestaltung. Ein Album entsteht in diesem Austausch zwischen Komposition, Interpretation und Produktion. Die Stimme, die eine Geschichte erzählt, ist hörbar hervorgehoben; an ihrer musikalischen Umgebung arbeiten viele Menschen. Blades' Schilderung verbindet deshalb persönliche Autorenschaft mit dem Beitrag anderer.
Verschiedene Wege, die Musik zu tanzen
Beim Tanzen entstanden ebenfalls eigene Formen der Weitergabe. Eddie Torres' veröffentlichtes Porträt beschreibt seinen New Yorker On2-Ansatz, bei dem der Richtungswechsel des Basics auf dem zweiten Taktschlag liegt. Für seine Lehrarbeit wurde die Zusammenarbeit mit der Gesellschaftstanzlehrerin June Laberta wichtig. Sie half ihm, Bewegung und Timing in einer Sprache zu vermitteln, die Lernende nachvollziehen konnten. Eine auf der Tanzfläche entwickelte Praxis erhielt damit eine systematisch vermittelbare Form. On2 bezeichnet hier eine bestimmte musikalische Orientierung innerhalb einer konkreten Unterrichtsgeschichte.
Die kubanische Autorin Yaima Redonet betont den eigenen Namen Casino. Sie beschreibt sowohl den Tanz eines Paares als auch die Rueda, in der mehrere Paare ihre Figuren nach Ansagen gemeinsam organisieren. Casino kann zu verschiedenen passenden musikalischen Repertoires getanzt werden. International begegnet dafür auch die Bezeichnung kubanische Salsa; Redonet hält fest, dass Fachleute diese Benennung unterschiedlich beurteilen. Wer diese Namen verwendet, spricht deshalb auch über unterschiedliche Traditionen der Einordnung. Ein Blick auf die gemeinsame Organisation der Tanzenden erklärt hier mehr als die Vorstellung einer überall gleichen Salsaform.
In Cali wird Musik gemeinsam bewahrt
Auch wer Musik sammelt und teilt, prägt die Tanzkultur. In Cali wurden Treffen von Plattensammlern Teil der Feria. Ein Rückblick von Corfecali schildert ein erstes Sammlertreffen 1991 im Parque de las Banderas und Gary Domínguez' Initiative, die Treffen in das Fest einzubinden. Vinylplatten standen dabei im Mittelpunkt. Menschen sammelten Musik, stellten sie einander vor und machten sie gemeinsam zugänglich. Auf diese Weise bekommt ein Repertoire vor Ort ein gesellschaftliches Leben: durch diejenigen, die es auswählen, aufbewahren und mit anderen teilen.
