Eine eigene tänzerische Handschrift lässt sich auch in vertrauten Bewegungen suchen: Was davon möchtest du behalten, was verändern, was weglassen? Eine große Sammlung von Figuren beantwortet das noch nicht. Vorbilder liefern Anregungen; entscheidend wird, welche du auswählst und wie du sie weiterentwickelst. So rückt die eigene Gestaltung mitten in die Beschäftigung mit Gelerntem.
Ein Vorbild genauer verstehen
Beim Nachahmen kann die äußere Form schon erkennbar sein, während die Dynamik noch unklar bleibt. Diesen Unterschied schilderten Lernende in einer qualitativen Untersuchung von fünf Contemporary-Technikklassen in Montreal. Die Forschenden verbanden Videoanalysen mit Interviews; 18 Lernende beteiligten sich. Einige beschrieben, wie das Zusammenspiel aus Vormachen und Erklären ihnen half, Bewegung zu verstehen. Andere erkannten vor allem eine Form und fanden schwerer Zugang zu deren Verlauf. Die Untersuchung beschreibt konkrete Ausbildungssituationen. Für die eigene Beschäftigung mit einem Vorbild liefert sie eine hilfreiche Unterscheidung: Was kannst du nachbilden, und was hast du daran verstanden?
Diese zweite Frage betrifft auch den Paartanz. Der Zouk-Tänzer Arthur Liebscher erzählte 2014, dass er viele Figuren und Techniken gelernt hatte, ohne ihre Zusammenhänge zu verstehen. Ihn beschäftigte, warum eine Bewegung so ausgeführt wird und was ihr Gefühl ausmacht. Er beobachtete andere Tanzende und beschäftigte sich im Studium mit Körperwissen. An einem Vorbild kann also mehr interessieren als ein ähnliches Ergebnis: die Funktionsweise einer Bewegung und die Erklärung dafür. Dann wird aus dem Wunsch, genauso auszusehen, eine genauere Beschäftigung mit dem Gesehenen.
Bewegung bewusst gestalten
Dafür lassen sich die Bewegung selbst, ihre Dynamik und ihr Weg im Raum auseinanderhalten. Diese Unterscheidung verwendet etwa die britische Tanzprüfungsspezifikation AQA. Stell dir denselben Armweg in zwei Fassungen vor: einmal über die ganze verfügbare Zeit ausgedehnt, einmal kurz ausgeführt und anschließend ruhig gehalten. Der Weg bleibt erkennbar, die zeitliche Gestaltung verändert sich. Auch ein weiter oder enger geführter Bewegungsweg setzt einen anderen Schwerpunkt. So kannst du eine bestimmte Eigenschaft gestalten, statt dem eigenen Tanz nur pauschal mehr Ausdruck abzuverlangen.
Im Brazilian Zouk bleibt dabei Raum, an den Basics zu arbeiten. Der Zouk-Praktiker Jukka Välimaa betont, dass diese entwickelbar bleiben und bei verschiedenen Tanzenden nicht identisch aussehen müssen. Eine erkennbare Basisbewegung kann also unterschiedliche Ausführungen tragen. Wer eine Besonderheit bei einem Vorbild entdeckt, kann deshalb nachfragen, welchen Anteil die grundlegende Organisation der Bewegung hat und wo eine persönliche Ausgestaltung beginnt. Diese Unterscheidung hilft beim Lernen: Eine bevorzugte Optik ersetzt keine Erklärung der Bewegung; eine gemeinsame Grundlage verlangt zugleich kein vollständig einheitliches Aussehen.
Aus den möglichen Veränderungen wird durch Auswahl etwas Eigenes. Der Swing-Lehrer Bobby White schlägt vor, einzelne Eigenschaften übernommenen Materials weiterzuentwickeln oder Einflüsse zu verbinden. Ebenso gehört dazu, Möglichkeiten bewusst auszulassen. Welche davon gefallen dir auch beim wiederholten Tanzen?
Einflüsse behalten ihren Zusammenhang
Beim Verbinden verschiedener Einflüsse lohnt sich der Blick auf ihre Herkunft. Die Tänzerin Joana Saahirah beschreibt für ihre Arbeit mit Raqs Sharqi eine eigene Gestaltung innerhalb der erlernten Tanzsprache. Für sie gehören fundiertes Lernen und persönliche musikalische Interpretation zusammen. Daran lässt sich beim Übernehmen anknüpfen: Was interessiert dich an einer Bewegung, und welchen Zusammenhang möchtest du mitlernen? Eine auffällige Geste allein erklärt noch nicht, welche Bedeutung sie im ursprünglichen Tanz hat. Sich mit dieser Bedeutung zu beschäftigen, kann Teil der eigenen gestalterischen Entscheidung sein.
Eigenheit kann außerdem gerade dort sichtbar werden, wo mehrere Menschen gemeinsames Material tanzen. Die Tap-Tänzerin und Choreografin Michelle Dorrance beschreibt, wie sie für die besonderen Stärken und Eigenheiten ihrer Ensemblemitglieder schreibt. Sie möchte, dass diese zugleich die choreografische Aufgabe erfüllen und ihre eigene Ausführung einbringen. Ihr Beispiel verschiebt den Blick von einer persönlichen Vorzeigefigur auf die Art, mit vorhandenem Material umzugehen. Das Gemeinsame und das Individuelle müssen dabei nicht aufgeteilt werden in feste Choreografie einerseits und freie Zusätze andererseits. Beides kann sich in derselben Bewegung zeigen.
Eine Handschrift darf sich verändern
Wiedererkennbar zu werden bedeutet allerdings nicht, immer dieselbe Lösung zu wählen. Christopher Bruce beschreibt, wie er für seine Bühnenstücke jeweils eine andere Bewegungssprache sucht und eine allzu allgemeine eigene Formensammlung vermeiden möchte. Auch bei der Wiederaufnahme von Ghost Dances lässt er unterschiedliche Ausführungen durch neue Besetzungen zu, solange Stil und technische Anforderungen des Stücks gewahrt bleiben. Eine eigene Handschrift kann sich demnach auch darin zeigen, wie jemand Material verändert und auf eine Aufgabe eingeht. Das ist beweglicher als ein unveränderliches Markenzeichen, das in jedes Stück passen muss.
