Vielleicht stehst du bei einer Tanzveranstaltung neben jemandem, der Jahrzehnte jünger oder älter ist als du. Worüber würdest du ins Gespräch kommen? Über einen Song, eine ungewohnte Variation, einen anderen Tanzstil? Das Geburtsjahr beantwortet keine dieser Fragen. Wer mit wem etwas entdecken kann, lässt sich beim gemeinsamen Tanzen herausfinden.

Vorstellungen über andere Generationen

Schon vor einer Begegnung kann ein Bild der anderen Gruppe vorhanden sein. Im britischen Projekt Generations Dancing besprachen ältere Erwachsene und junge Menschen zunächst getrennt ihre Vorstellungen voneinander. Dazu gehörten unterschiedliche Ansichten über Freundschaft. Der vorbereitende Austausch machte diese Vorstellungen sichtbar; später berichteten Beteiligte von veränderten Einschätzungen. Solche Erfahrungen aus einem begleiteten Projekt versprechen keinen automatischen Abbau von Vorurteilen. Sie geben aber einen konkreten Anstoß: erst kennenlernen, was die andere Person beschäftigt, bevor man ihr eine Generationenrolle zuweist.

Auch Lebensalter und Tanzerfahrung sind zwei verschiedene Angaben. Eine Person kann mit siebzig zum ersten Mal Brazilian Zouk ausprobieren; eine andere hat mit fünfundzwanzig bereits viele Jahre getanzt. Aus diesen beiden Beispielen ergibt sich keine feste Verteilung von Können. Frage lieber nach der jeweiligen Tanzerfahrung. Vielleicht kommt dabei ein Stil zur Sprache, den du selbst noch nie ausprobiert hast.

Wer lernt hier von wem?

Lernen kann auch dort in beide Richtungen gehen, wo Unterrichtsrollen klar verteilt sind. Mary Jane Warner beschrieb in einem Torontoer Projekt, wie angehende Tanzlehrkräfte durch die Arbeit mit älteren Erwachsenen ihr Unterrichten überprüften. Anregungen und Musikvorlieben der Teilnehmenden wurden dabei relevant. Die damalige qualitative Zwischenbilanz lenkt den Blick auf eine einfache Frage: Wird das Wissen der Lernenden wirklich gehört? Wer eine Gruppe unterrichtet, kann fachliche Verantwortung übernehmen und zugleich neugierig auf deren Erfahrungen bleiben. Das Alter allein verrät schließlich nicht, zu welcher Musik jemand gern tanzt.

Ein Austausch muss sich dabei nicht auf Figuren beschränken. Für eine Gesprächsreihe bei The Place brachte die Künstlerin Temitope Ajose bewusst etablierte und am Anfang ihrer Laufbahn stehende Kunstschaffende zusammen. In ihrem Rückblick beschreibt sie das Interesse an verschiedenen Perspektiven auf die eigene Arbeit. Berufsphase und Lebensalter sind nicht dasselbe; gerade deshalb lohnt eine genauere Frage nach dem jeweiligen Weg. Im Tanz könnte daraus ein Gespräch entstehen, wie sich musikalische Vorlieben verändert haben oder warum jemand nach einer längeren Unterbrechung wieder angefangen hat.

Gemeinsam einen Tanz gestalten

Aus dem Austausch kann eine gemeinsame künstlerische Aufgabe werden. Beim schottischen Ensemble Wolf Pack von Barrowland Ballet tanzen Menschen von acht bis über achtzig Jahren zusammen. Das seit 2016 bestehende Projekt arbeitet mit Improvisation und choreografischen Aufgaben. Alle Altersgruppen gehören zur Gestaltung und zur Aufführung. Übertragen auf eine eigene Tanzgruppe wäre eine Möglichkeit, gemeinsam eine kurze Kombination zu entwickeln: eine Idee anbieten, sie ausprobieren und miteinander entscheiden, was daraus wird. Die Beteiligten erhalten damit eine konkrete Aufgabe, bei der ihre Beiträge gebraucht werden.

Wie sich ein ungewohnter Arbeitsprozess anfühlen kann, schilderte Willow Green nach dem Winter Institute von Dance Exchange 2020. Neue Bewegungsaufgaben waren herausfordernd; zugleich erlebte Green die angebotenen Möglichkeiten als Einladungen, nicht als Ultimaten. Es ist eine persönliche Perspektive auf diesen Workshop. Sie macht eine künstlerische Frage greifbar: Wie lässt sich etwas Neues gemeinsam erkunden, während die eigene Ausdrucksweise Platz behält? Bei einer Improvisation könnten deshalb mehrere Antworten auf dieselbe Aufgabe stehen bleiben. Niemand müsste stellvertretend für alle Menschen seines Alters eine typische Bewegung zeigen.

Damit Begegnungen tatsächlich stattfinden können

Zur gemeinsamen Zeit gehört auch ihre Planung. In einem kleinen irischen Entwicklungsprojekt mit Jugendlichen und älteren Erwachsenen meldeten Jugendliche zurück, dass der Beginn kurz nach Schulschluss die Anfahrt erschwerte. Eine Prüfungswoche beeinträchtigte die Teilnahme. Das zeigt ein konkretes Organisationsproblem dieser Gruppe, keinen Mangel an Interesse einer Generation. Wer Begegnungen ermöglichen möchte, sollte die tatsächlichen Tagesabläufe erfragen. Wünsche auf Papier zu sammeln und das Angebot anschließend anzupassen, gehörte ebenfalls zum Projekt. Mitsprache bekommt dadurch eine überprüfbare Folge: Was ändert sich aufgrund der Rückmeldungen?

Für einen gemeinsamen Tanz braucht ihr keine große Generationengeschichte zu erzählen. Ihr könnt euch zunächst mit Namen vorstellen und herausfinden, welche Musik ihr heute hören möchtet. Wenn daraus eine neue Bekanntschaft oder ein gemeinsames Vorhaben entsteht, lässt es sich weiterverfolgen. Und wenn es bei diesem einen Tanz bleibt, dürfen zwei Menschen daran beteiligt gewesen sein, deren interessanteste Gemeinsamkeit gerade ihre Lust auf diesen Song war.