Was im eigenen Feed häufig auftaucht, ist noch keine Übersicht darüber, was in einer Tanzszene üblich ist. TikTok beschreibt seine Empfehlungen als persönliche Auswahl: Vollständig angesehene oder übersprungene Videos, Likes und weitere Signale fließen darin ein. Die Plattform will zugleich neue Inhalte einstreuen. Nicht alle sehen deshalb dieselbe Tanzwelt. Der Feed beantwortet damit eher die Frage, was dich interessieren könnte. Wie Menschen außerhalb des Bildschirms tanzen, lässt sich daran nur ausschnittweise erkennen.
Ungeschnitten heißt nicht ungeprobt
Ausgewählt bedeutet allerdings nicht automatisch geschnitten. In einer Untersuchung von 92 Videos zur TikTok-Challenge #distancedance aus dem März 2020 waren 86 durchgehende Aufnahmen ohne interne Schnitte. Manche Begleittexte berichteten zugleich von Übung oder mehreren Versuchen. Der Forscher hatte diese Vorbereitung nicht beobachtet; ausgewertet wurden Videos und Beschreibungen. Dennoch wird ein wichtiger Unterschied sichtbar: Eine Aufnahme kann eine Bewegungsfolge unverändert zeigen, während ihr Entstehungsweg außerhalb des Clips bleibt. Ungeschnitten ist eine Eigenschaft des Videos, kein Nachweis dafür, dass etwas auf Anhieb gelang.
Wo geschnitten wird, kann eine andere Fassung der Choreografie entstehen. Der Filmemacher Ezra Hurwitz beschrieb 2017, wie er für einen Ballett-Teaser Material aus Justin Pecks halbstündigem In the Countenance of Kings in einer Minute zusammenbrachte. Er verband Bewegungen, die im Bühnenstück nicht aufeinanderfolgten, und ordnete sie anderer Musik zu. Die Kurzfassung verdichtet also nicht bloß dieselbe Aufführung: Sie stellt neue Zusammenhänge her. Wer daraus den Aufbau des ganzen Stücks erschließen möchte, würde filmische Entscheidungen mit der Bühnenchoreografie verwechseln.
Was die Kamera zum Tanz beiträgt
Der Bildschirm kann dabei selbst zum choreografischen Raum werden. Jose Ramos erklärte 2022, wie er für TikTok Übergänge sowie Auftritte und Abgänge mehrerer Tanzender im Kamerarahmen gestaltete. So entsteht etwas eigens für diese Ansicht. Ein solcher Clip muss weder eine verkürzte Bühnenshow noch eine Vorlage zum Nachtanzen sein.
Diese gestalterische Freiheit steht neben Erwartungen an den nächsten Beitrag. Die Choreografinnen Lea Tucker und Emry Wride beschrieben im selben Interviewbeitrag sowohl neue Zusammenarbeit über TikTok als auch den Druck, ständig weitere virale Videos zu produzieren. Damit stellt sich neben der künstlerischen auch eine berufliche Frage: Für wen soll die Aufnahme sichtbar sein?
Für wen wird hier getanzt?
Jennifer Archibald unterschied 2022 kurze Instagramwerbung von längeren Repertoirevideos für mögliche Auftraggeber. Sie hielt Material für Anfragen bereit, zeigte online aber bewusst ihre berufliche Arbeit statt ihres Privatlebens. Diese Entscheidung macht sichtbar, dass ein Tanzaccount auch eine ausgewählte berufliche Präsentation sein kann. Seine Beiträge erschließen sich anders, wenn man ihre Adressaten kennt. Aus dieser Arbeitsweise einer professionellen Choreografin entsteht keine Pflicht, auch den eigenen Freizeittanz fortlaufend veröffentlichen zu müssen.
Und selbst breite Verbreitung verteilt Anerkennung nicht automatisch mit. Jordyn Williams berichtete TIME 2023, dass viele Nachahmungen ihres #NoLoveChallenge-Tanzes ihren Account nicht nannten. Sie forderte diese Anerkennung später öffentlich ein. Eine bekannte Bewegungsfolge und eine bekannte Urheberin sind deshalb nicht dasselbe.
